Einmal Zeitgefühl mit Philosophie und nem Schuss UNESCO bitte!

Moin moin und Salamnu,

es ist doch schon immer wieder erstaunlich. Nun bin ich seit fünf Wochen hier und erlebe so viele intensive Momente, so viel passiert in so kurzer Zeit, dass sich mein Gespür für Zeit völlig neu orientieren muss. Ein passender Vergleich wäre eine Situation in der du auf etwas wartest. Völlig egal was, nur hast du keine Möglichkeit dich abzulenken. Du wartest also ohne eine Uhr oder etwas zu lesen für einige Stunden bis endlich was passiert. Mir kommt solch ein Warten jedes Mal unerträglich lange vor. Mein Zeitgefühl scheint mir dann vorzugeben, ich würde schon stundenlang unbewegt hier auf diesem Fleck sitzen. Dieses bewusste Erleben von Zeit ist für mich extrem selten und dann meist auch wenig angenehm.

Auf Reisen stellt sich hingegen für mich eine ganz andere Art der Wahrnehmung für Zeit ein. Den wichtigsten Anteil daran hat für mich die Unbeständigkeit.

Im Gegensatz zum routinierten Lebensablauf, bei dem mir die Zeit oft davonfliegt, kann ich in der Unbeständigkeit ein bewusstes Erleben finden. Denn nicht zu wissen was ich heute tun werde ist eine tägliche Herausforderung. Ich werde gefordert aus meinen üblichen Bahnen herauszutreten und mir Gedanken darüber zu machen was gerade in diesem Moment passiert und warum. Ich setze mich ohne Mühe mit dem Hier und Jetzt auseinander, es ist schlicht und ergreifend der interessanteste Moment für meinen Geist. Denn die Unbeständigkeit birgt in sich auch die Eigenschaft unvorhersehbar zu sein. Ich kann mir zwar manchmal Pläne machen (und viel Spaß dabei haben) aber wenn ich ehrlich zu mir bin, weiß ich genau wie wenig davon in Erfüllung gehen wird. Zum Glück, schließlich wiederfahren mir – und wohl auch allen anderen Reisenden – immer wieder die unvorstellbarsten Dinge und Gelegenheiten. Doch diese nutzen zu können, sie zu erkennen und zu ergreifen, fordert mich heraus. Bin ich nicht im Hier und Jetzt, nicht mit meinem Geist im Moment präsent, vergehen viele dieser Gelegenheiten unbemerkt. Ohnehin ist der unbewusste Anteil an Tagträumerei für mich auf Reisen viel kleiner. Viel zu spannend ist das Gegenwärtige und wenn ich mich mal in meine Hängematte hau und träum dann entscheide ich mich dafür und nehme auch gleich viel mehr bewussten Einfluss auf meine Gedanken.

In meinem Leben in Hamburg war das ganz anders. Dort gab es viel Zeit in der die Auseinandersetzung mit der Gegenwart wenig interessant war, ich hätte wohl kaum Lust gehabt stundenlang bewusst zu erleben wie ich an einem Schreibtisch vor einem Computer sitze. Hier war es oft wichtiger auf einer abstrakten Ebene unterwegs zu sein, Dinge und Zusammenhänge zu verstehen und zu erfassen ohne diese an den unmittelbaren Moment zu knüpfen. Auch eine echte Herausforderung dabei nicht den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Mir kommt dabei so ein Bild vor Augen, in dem ich vor einem Fluss sitze und mit meiner Hand Wasser aus dem Fluss schöpfe, während ich mich frage was es wohl mit Wasser insgesamt auf sich hat. Doch nur das Wasser in meiner Hand zu betrachten, kann mir nur Antworten zu dem liefern was Wasser unmittelbar mit mir zu tun hat. Würde ich nicht auch auf einer abstrakten Ebene den gesamten Wasserkreislauf verstehen, wäre mir überhaupt nicht klar welcher Zusammenhang zwischen dem schmelzenden Schnee auf den Bergen und dem Wasser in meiner Hand besteht. Ich würde mich nicht dafür einsetzen können den Schnee in den Bergen zu erhalten um mir auch in den Trockenzeiten einen Fluss voller Wasser zu garantieren. Ich denke diese Form des abstrakten Wissens birgt besonders viel Wert für mich, wann auch immer ich versuche langfristige Folgen oder Zusammenhänge auf einer nicht sichtbaren Ebene auf das unmittelbare Moment zu übertragen. Doch es hilft mir wenig wenn es darum geht ein Gefühl, eine Beziehung dazu aufzubauen. Wenn ich etwas zu Schutze des Flusses beitragen will, dann nicht weil ich abstraktes Wissen darüber besitze. Sondern weil ich hier und jetzt am Fluss sitze und mir Wasser durch die Hände rinnt. Diese Verbindung ist es in meinen Augen, die mich dazu antreibt Wissen zu erwerben und es so zu nutzen, dass es einen positiven Einfluss hat.

Und um den Bogen meines heute ganz schön philosophischen Gedankengangs zu schließen, will ich nochmal auf die Zeit auf Reisen zurückkommen. Durch das intensive Erleben auf Reisen verbindet sich viel von meinem Gefühl mit meinem unmittelbaren Erleben. Ich sitze, um das Bild weiter zu malen, viel öfter am Fluss und spüre was das Ganze mit mir zu tun hat. Ich muss es nicht auf einer abstrakten Ebene ergründen und mir vorstellen welche Beziehung ich zu Wasser habe und wie wichtig es für mich ist. Ich kann ganz einfach dasitzen, den Fluss betrachten, spüren, riechen, hören und schmecken. Und in dem Moment in denen mein Geist voll und ganz diese Erfahrung in sich aufnimmt, baut sich auch sogleich die zuvor beschriebene Verbindung auf. Das nächste Mal wenn ich also vom Fluss spreche, meine ich nicht nur seine abstrakt beschreibbaren Eigenschaften, ich meine all die Dinge die ich spüre während ich spreche, die mich von meinem Inneren heraus bewegen und mich auch stärken im Falle einer Auseinandersetzung. Für etwas zu streiten hat in meinen Augen oft erst dann einen Wert, einen Ausgangspunkt und eine Kraft wenn ich nicht nur weiß worüber ich spreche.

Sooo, nun zur Frage wie ich überhaupt auf dieses, zugegebenermaßen etwas eigenwillige, Thema gekommen bin. Ein Hinweis wurde schon gegeben: Ich mal wieder auf einen Kalender geschaut und festgestellt wieviel Zeit seit meiner Ankunft vergangen ist. Das hat mich darauf gebracht mal wieder darüber nachzudenken wie intensiv und bereichernd es sein kann keine Routine zu haben. Und dann ist mir im Vergleich zu meiner Zeit in Hamburg aufgefallen wie viel und wie abstrakt ich mich mit den Dingen und Funktionsweisen, den Entwicklungen und Wechselbeziehungen in der Welt beschäftigt habe. Und wie sich hier in den letzten Tagen dieser Reise so viel davon in so wenigen Momenten kristallisieren konnte.

Ich wurde nämlich nachdem ich tagelang durchs Land gereist bin, um mit Menschen zu sprechen und Wälder zu erkunden, auf eine UNESCO Konferenz eingeladen. Bei dieser ging es im Kern der Sache darum gemeinsam zu überlegen wie die UNESCO zusammen mit anderen Institutionen und Individuen zur Verbesserung der Welt betragen kann. Es wurden zu Beginn keine Rahmen gesetzt oder Einschränkungen ausgesprochen, es gab allerdings Themenfelder. Dazu gehörten konkrete Projekte wie die Umsetzung eines mittels Smartphone gestützten Wanderweges oder den Aufbau einer Green Academy in welcher vor allem Nachhaltigkeit praktisch vermittelt wird. Weniger konkret war beispielsweise das Thema Refugees, displaced people and illegal immigrants. Ein Themenfeld das mich, wie ihr euch denken könnt, ganz besonders interessiert hat. Leider waren keine Menschen anwesend welche von diesen Bezeichnungen betroffen wären. Somit war mein größter Kritikpunkt auch gleich mein wichtigster Vorschlag für diese Runde: sich auf die Vielfalt und Fähigkeiten der Menschen zu konzentrieren um die es hier gehen sollte und sie dazu zu ermächtigen für sich selbst zu sprechen und selbst oder in Kooperation mit anderen Forderungen und Vorschläge einzubringen.

UNESCO Quest 4 Africa

Bei dieser Konferenz kamen also viele Menschen zusammen und stellten gemeinsam Überlegungen an und machten auch konkrete Vorschläge wie diese umzusetzen seien. In diesem höchst interessanten Gemenge aus Ideen, Vorschlägen, Reden, Diskussionen und Streits habe ich vor allem eines ganz besonders deutlich wahrgenommen: es sind meist diejenigen mit guten Ideen unterwegs und bringen diese auch wirklich weiter, die nicht nur wissen wovon sie reden. Sondern eben auch eine ganze Reihe von Gefühlen und Überzeugungen mit dem verbinden wofür sie sich einsetzen. Oft erscheint mir die Welt zu voll mit rational gesinnten Menschen und utilitaristischen Strategien. Eine ausschließlich rational betrachtete Idee führte allerdings eher nicht dazu Menschen zum handeln zu inspirieren. Überzeugt haben vor allem diejenigen die ihre Ideen mit Emotionen und einem tieferen Verständnis verbinden konnten. Emotionen die meiner Meinung nach hauptsächlich aus dem direkten Erleben und der daraus entstandenen Verbindung entspringen können.

Jetzt bleibt nur noch die Frage was ich davon mitnehme. Den einfachen Teil zuerst: Leben im Hier und Jetzt. Das wird wohl erst wieder schwieriger wenn ich in meine Routine zurückgekehrt bin. Obwohl es auch eine interessante Frage ist wie ich das wohl anstellen könnte.

Die zweite Sache die ich verinnerlichen möchte ist da schon etwas schwieriger: Ich will die Orte finden die mich dazu inspirieren vom Wissenden zum Handelnden zu werden. An einen Ort zu kommen mit dem ich mich verbunden fühle, sei es durch die Menschen, Natur oder viele weitere Dinge und den ich so sehr schätzen lerne das ich ein Teil von ihm werden will. Daraus leitet sich dann für die Motivation und Überzeugung ab mich auch für diesen Ort einzusetzen. Ich bin mir bereits jetzt schon sicher einen solchen Ort in D-Land mit meinen geliebten Freuden in Hamburg zu haben und in Zukunft sogar noch zu erweitern. Ich bin darüber hinaus angefixed einen weiteren Ort in einer ganz anderen Wirklichkeit zu haben an dem ich mich ebenfalls einsetzen und an dem ich noch viel mehr von meinem erlernten Wissen einbringen kann. Zusammengefasst ein Hausprojekt in D-Land und ein Geographieprojekt in Indonesien. Mal schauen was davon die Katze ins Haus schleppt – und wieviel sie dann schon davon gefressen hat.

So far … away!