Von ruhigen Stränden, pinken Stürmen, heiligen Vulkanen & weinachtlichen Irrstädten

Meine letzten Wochen in Ethiopien hab ich damit verbracht mal wieder so richtig ins Reisegefühl einzusteigen. Also erstmal an den Strand des einzigen badetauglichen Sees Ethiopiens (Lake Langano) fahren, die Hängematte aufspannen und die Seele baumeln lassen. Es ist erstaunlich wie viel ich in den Tagen nach der ganzen Aufregung schlafen konnte. Die Starkstromspannung der Ereignisse war praktisch seit September mit Beginn der Schreibphase an der Bachelorarbeit an mich angelegt. Wissenschaftlich zu arbeiten hat auch nicht dazu beigetragen mal gründlich zu entspannen und reflektieren. Daher hab ich es sehr genossen mal allein zu sein, schwimmen, schlafen, wandern, die Gedanken treiben lassen.

Zwischendurch kam dann Aufregung doch noch in Form kleiner Sandkörner und unerwarteten Pinktönen. Ich war auf einer Tageswanderung im benachbarten Nationalpark unterwegs und beobachtete zusammen mit dem Guide Steve die Natur und die dunkle Wolke die sich auf unserem Wege zusammenbraute. Unterwegs scherzte ich noch mit ihm über eine Wanderung durch die Wüste, wie episch diese Erfahrung sein müsse. Kurz darauf bekam ich einen sehr guten Eindruck als die Wolke sich als Sandsturm entpuppte und uns voll und ganz in einen Hagel kleiner Sandkörner eindeckte. Zum Schutz mussten mir unsere Gesichter vollständig verdecken und die Augen zu winzigen Schlitzen hinter unseren Sonnenbrillen zusammenkneifen. Das Gefühl den Kräften gnadenlos ausgesetzt zu sein kam auf und wir mussten eine gute Portion Willen und Anstrengung aufbringen um uns durch diesen fliegenden Sandkasten zu bewegen. Am Ende kam dann noch ein völlig surreales Moment hinzu. Wir hatten den größten Teil der Wolke hinter uns und während wir noch unsere Augen zusammenkniffen kam ein pinker Horizont in Sicht. Soweit das Auge reichte, ein leuchtendes Pink, welches bei nährerer Betrachtung sich bewegte und dann als riesiger Schwarm von Flamingos erkennbar wurde. Das pinke Licht am Ende des Sandsturms.

Kurz darauf wurde ich dann ein weiteres Mal und ganz außerplanmäßig, wieder Teil des Forschungsprojekt. Mir wurde nämlich angeboten noch zwei weitere Wälder zu besuchen und solche Rundreisen kann ich natürlich nicht ausschlagen. Einer der Wälder lag im Inneren des Vulkans Ziquala und war damit eine ganz besondere Umgebung für sich. Der Vulkan ragt mehrere hundert Meter über seiner Umgebung in den Himmel und vermittelt eindrucksvoll wie mächtig wohl die heißen magmatischen Kräfte sein müssen die unter der Erdkruste liegen. Um zum Wald zu gelangen mussten wir uns zu Fuß aufmachen und begegneten unterwegs jeder Menge Menschen mit Bündeln voller Kräuter und Gemüse. Diese Menschen leben am Kraterrand, in unmittelbarer Nähe zum Wald und bauen dort ihre Produkte an, welche sie auf den wöchentlichen Märkten verkaufen. Aus der Diskussion mit den Kollegen bekam ich dann zu hören, dass diese Menschen aber auch leider zum Rückgang des Waldes massiv beigetragen haben und geltendem Recht gar nicht auf dem Vulkan leben dürften. Dieses ist nämlich erklärtes Schutzgebiet und den Bewohnern wurden Flächen in der tiefer liegenden Ebene angeboten. Diese haben sich auch einige Bewohner angeschaut und festgestellt, dass diese zu klein, trocken oder/und unfruchtbar sind. Schließlich sind sie wieder zurückgekehrt, haben sich an Protesten gegen die Regierung beteiligt und warten nun im Prinzip auf ihre Räumung. Ein klassisches Problem der Abwägung zwischen dem Schutzgut Natur und den Menschenrechten. Eine gute Lösung in bisher leider nicht in Sicht. Dies bedauert vor allem die ebenfalls im Vulkan ansässige Kirchengemeinde mit ihrer unglaublichen Größe von über dreihundert aktiven Mitgliedern. Die Kirche will den Wald erhalten und hat sich schon länger mit der Produktion von Stoffen und dem Verkauf und Handel in kleinen Läden, von den materiellen Ressourcen des Waldes entkoppelt. Der gesamte Berg ist zudem heilig gesprochen und das Innere, inklusive eines Sees mit heiligem Wasser wird von der Kirche verwaltet. Ich bin gespannt wie sich diese Situation entwickeln wird, denn auch wenn ich den Eindruck hatte, dass es der Kirche wichtig ist den Wald zu schützen und keine zusätzlichen Bewohner zu haben, so kann ich mir nicht vorstellen wie eine gewaltsame Räumung ihre Zustimmung finden würde.

Zuletzt war ich dann noch in der faszinierenden, magischen ja schon fast verwunschenen Stadt Harar. Diese liegt ganz im Osten des Landes und hat mit Varanassi in Indien zusammen die unglaublichste Altstadt die jemals gesehen hab. Die Stadt aus dem 13. Jahrhundert schaffte es mühelos eine Zeitreise zu kreieren indem sie mich in ihre labyrithartigen, zum Teil hüftbreiten Gänge und Straßen lockte. Alle paar Meter gab es etwas zu entdecken, die Türen und Mauern sind oft bunt bemalt und die Menschen freundlich und unglaublich offen. Am Tag des äthiopischen Weinachtsfest konnte ich überhaupt nicht in Ruhe verträumt durch diese lebendige Museum laufen, sofort wurde ich energisch und mit Nachdruck eingeladen. Kaffee, Tee, Essen – einmal wurde ich von einem 16 jährigen Mädel von der Straße geholt und in ihr Haus mitten in die Weinachtsfeier gebracht. Alle waren völlig cool damit und haben sich gefreut einen Gast zu haben. Ich stell mir vor ich hätte einen Typen an Weinachten von der Straße in unser Wohnzimmer gebracht. Die Stimmung wär sicher eine andere gewesen!
Neben den freundlichen und offenen Menschen gabs dann da noch die khatkauenden Verrückten, wunderlichen Kinder, traditionell gekleidete junge Eselantreiberinnen, Verkäuferinnen und Händler aller Art in Märkten und auf den Straßen, eine Straße voller Schneider auf dem Gehweg, hunderte Wohnzimmergroße Moscheen, historische Stadttore, kleine Ein- und Ausgänge durch die Stadtmauer, Kinder die Tauben züchten, Innenhöfe die ganz und gar in einer Farbe gehalten wurden – diese Stadt ist wahrlich ein eigenständiges Universum des urbanen Lebens.

Mit dieser Erzählung geht meine Zeit in Ethiopien leider zu Ende und zum meinem größten Bedauern sind zudem die Bilder aus Harar für immer verloren gegangen. Ich werd wohl nochmal dorthin müssen.

Anschließend möchte ich über meine Zeit hier vor allem noch sagen wie unglaublich mir diese Vielfalt hier vorgekommen ist. Wenig lässt sich verallgemeinern, die Menschen sind oft eher zurückhaltend und tiefgründig, es braucht einiges an Zeit um jemanden hier gut zu kennen. Zudem habe ich den Eindruck erhalten, dass es viel Stolz und sogar Hochmut gibt, Kritik zu äußern ist ein sehr filigranes, explosives Unterfangen. Doch war ich auch beeindruckt von den ernsthaften und wissenschaftlich fundierten Bemühungen meiner Mitstreiter das Leben der Menschen zu verbessern und welche vielfältigen Charaktere sich in solch einer Koalition wiederfinden lassen. Meine nächsten Worte werden sich dann um ein neues Land drehen: Südafrika – Yeah!

So far … away!