Die Schattenseiten Südafrikas

Meine Ankunft in Südafrika lässt sich ganz gut als umgekehrten Kulturschock beschreiben. Aus dem Flughafen nahm ich den Bus in eine Gegend von Cape Town die überwiegend von den Superreichen bewohnt wird: Camps Bay. War ich vor 24 Stunden noch in einer Stadt in der schon ein vielstöckiges Gebäude Luxus und Reichtum ausstrahlt, stieg ich nun in einer Gegend aus die mich an die hamburger Außenalster erinnerte. Dekadente Villen, überteuerte Autos, schnicker Rasen, elektrischer Stacheldraht, dazu ein dunkelblauer Ozean, Sandstrand und im Hintergrund ein Demut gebietender und Erfurcht einflößender Table Mountain. Ich konnte den Kontrast zur überfüllten, grauen, unfertigen und toxischen Hauptstadt Äthiopiens gar nicht fassen. Ich beführchtete schon der Couchsurfer mit dem ich verabredet war würde in einem Schloss leben. Das war glücklicherweise nicht der Fall, Markus teilt sich das Zwei-Zimmer Appartment mit noch drei weiteren wundervollen Menschen und ist ganz und gar nicht der Schnösel. In den paar Tagen die ich zu Besuch war haben wir ausgiebig gechillt, gekocht, diskutiert, sind auf den wunderschönen Table Mountain geklettert und uns dafür ordentlich bei nem Braai (Grillabend) gefeiert.



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Bei letzterem gab es dann eine weitere Beobachtung die mich sehr verwunderte und zugleich bestürtzte: Ich war mit meinem deutschen Pass der dunkelste (Pheno-)Typ auf der Party. War ich nicht auf dem afrikanischen Kontinent? In Äthiopien hab ich kaum Menschen aus den westlichen Ländern getroffen (ja nich mal deutsche Kartoffeln* waren da!), während ich in Cape Town keine Afrikaner mit schwarzer Haut antreffe? Wie ist das möglich? Fragen die ich dann vielen auf der Party gestellt hab. Die Antworten waren unvorbereitet und spontan, zudem gebe ich diese nun selbst noch wieder – sie können also nur als Eindruck, nicht als soziologische Erklärung dienen. Zu meinem Erstaunenen waren die Fragen gar nicht so unbequem wie ich zuerst dachte, ich gewann den Eindruck das sich jeder in der Stadt mit der Rassismusfrage beschäftigen muss. Institutionell wurde Rassismus unter Nelson Mandela im Jahre 1994 mit dem Ende der Arpartheit abgeschafft. Strukturell ist die Rasse aber weiterhin ein entscheidendes Merkmal geblieben. So wurde mir erzählt, dass Mensch keine Freunde in den Townships (Siedlungen in denen mehrheitlich sozial Benachteiligte People of Colour* unter oft miesen Bedingungen leben) hat weil es keine Berührungspunkte gibt. Die Orte an denen Menschen sich austauschen und in Kontakt kommen sind nach wie vor stark ethnisch segregiert, also nach dem Merkmal der Rasse entmischt. Ganze Viertel werden fast ausschließlich von der einen oder anderen Ethnie bewohnt. Dazu hier mal ein paar Karten (yeah Karten, Geographie is der Shit!):

Cape Town_2001
CapeTown
Johannesburg_2001
Johannesburg
Quelle:
Sunday Times News by Graeme Hosken & Stats SA

Dazu kommen dann noch Schulen, Clubs, Restaurants und so weiter. Die räumlichen Strukturen der Apartheit sind also noch sehr lebendig auch wenn laut Gesetz eine solche Unterscheidung nicht mehr zulässig ist. Darüber lässt sich sicher noch einiges mehr schreiben, doch ich beschränke mich mal auf die Eindrücke vom Braai.
Ein weiteres Argument welches hervorgebracht wurde war ökonomischer Art. Der Lebensstil vieler Menschen in Cape Town sei allein dem Einkommen wegen schon zu verschieden. Menschen aus den Townships wären des Geldes wegen nicht in der Lage am öffentlichen Leben in der gleichen Art und Weise teilzunehmen wie die Bewohner aus Camps Bay.
Zudem gäbe es auch bezogen auf den Lebensstil zu unterschiedliche Interessen. Die Einen haben die Kultur (ein sehr abstrakter und schwieriger Begriff in diesem Zusammenhang) ins Feld geführt, Andere führten dies auf den westlichen Einfluss zurück. Dieser sei bei der weißen* Bevölkerung deutlich stärker ausgeprägt.

Wie ihr erkennen könnt sind die Meinungen darüber sehr vielfältig. Ich bin schlussendlich davon überzeugt, dass sowohl räumliche und sozioökonomische als auch individuelle Prozesse an dem momentanen Zustand der Gesellschaft in Cape Town beteiligt sind. Die Grundlage die gewachsene, historisch begründete Norm zu durchbrechen ist allerdings geschaffen. In anderen Teilen des Landes, wie der inoffiziellen Hauptstadt Johannesburg, wir dies bereits praktiziert. Auch dort ist der Prozess nicht abgeschlossen. Doch der Umgang mit der Geschichte erschien mir viel offener, ungezwungener und verantwortungsvoller. Aus meiner Sicht war das Individuum an diesem Prozess viel aktiver beteiligt, während in Cape Town diese Aufgabe mit Blick auf die zuständigen Institutionen fallengelassen wird.

Die regionalen Unterschiede in den urbanen Räumen sind demnach beträchtlich. In den ländlichen Gebieten erschien mir dies noch deutlich homogener. So habe ich keinen einzigen Farmer getroffen dessen Vorfahren nicht aus Europa stammen würden. Die Arbeitskräfte für die zumeist körperlich verdammt anstrengende Arbeit stammen hingegen aus dem ganzen Süden Afrikas und sind, soweit ich das aus meiner Erfahrung beurteilen kann, alle People of Colour*. Auch die Einstellung vieler mit denen ich sprach war noch offen rassistisch. Die Stereotypen im einzelnen nachzuzeichnen ist mir an dieser Stelle zuwieder, doch sind die Vorurteile erschreckend ähnlich mit denen die mir aus Deutschland bekannt sind.

Soviel erstmal zu diesem Thema an Input. Eine Rahmung des Ganzen darüber hinaus ist mir allerdings auch sehr wichtig: Wie schon erwähnt habe ich meine persönlichen Eindrücke beschrieben, es gibt viele Ausnahmen zu dem was eventuell generalisierend klang. So etwas in einer solchen Diskussion besonders zu beachten verhindert umgekehrt negative Stereotypen aufzubauen. Das gilt auch für die Sprache. Ich habe bestimmte Begriffe mit einem * markiert. Diese sind als Ausdruck der politischen Korrektheit zu verstehen, allerdings weder universal noch dogmatisch. Wichtiger ist mir das wir uns bewusst machen welche Vorurteile wir haben und mit ihnen umgehen lernen. Wir alle haben Vorurteile, als Teil der menschlichen Natur sind wir auch argwöhnisch und misstrauisch. Das ist nicht ungewöhnlich und wohl kaum jemand kann sich davon freimachen. Aber sich die eigenen Vorurteilen täglich gewahr zu machen und zu hinterfragen ist eine Aufgabe, die sich aus dieser Eigenschaft ableitet, insbesondere wenn wir eine kosmopolitische Welt anstreben.

So far … away!