Die Sonnenseiten Südafrikas

Nach den ersten Tagen in Cape Town machte ich mich auf um die Sonnenseiten des Reisens in Südafrika kennenzulernen. Bereits die ersten Minuten nachdem ich aus dem Bus stieg welcher mich aus der Stadt fuhr eröffneten ein Spiel von Licht und Schatten. Der Bus hielt nämlich nicht in einer Stadt von der aus es möglich wäre andere Busse zu finden, sondern mitten in der Halbwüste an einer Tankstelle; mehere Kilometer vom nächsten Ort entfehrnt. Die Annahme lautet, dass selbst Menschen die mit dem Bus reisen wollen über einen Möglichkeit verfügen mit dem Auto diesen auch zu erreichen. Die 35 Grad im Schatten ergaben zusammen mit den Unmengen an Sand und Sträuchern ein eher düsteres Bild, bis ich nur eine Minute später die erstbeste Person fragte wie ich hier wieder wegkommen könnte. Ein Lächeln und schon geht die Sonne in meinem Kopf auf, denn Sekunden später sitze ich in einem Auto mit einem Haufen Töpfe und zwei Menschen die genau da hin wollen wo ich hin will: Montegu.



Link zu den Bildern: flickr.com

Montegu ist ein kleiner Ort. Ein Ort der sich noch im sogenannten Western Cape befindet und ebenfalls noch sehr deutlich sichtbare Segregation aufzuweisen hat. Drogenmissbrauch und Beschaffungskriminalität sind hier nicht zu unterschätzen wie ich später erfahren sollte. Doch solange die Sonne in Montegu scheint gibt es noch viele andere Lichtpunkte die ich entdecken würde. Die Menschen in solch kleinen Orten sind allzuoft überraschend offen und herzlich, neugierige Fragen zu meinen Reisen und meiner Herkunft (ich werde übrigens selten gefragt wo denn meine Familie herkommt) kommen oft gepaart mit Fragen und Tipps zur Umgebung und was es alles hier zu entdecken gibt. Für mich war vor allem eines ganz besonders wichtig: die Kletterei.

Bereits in Deutschland hatte ich mich auf diesen Moment gefreut: endlich aus der kleinen miefigen und heißgeliebten Boulderhalle raus an den Fels, klettern im Seil oder auch Sportklettern genannt, war mein großer Traum für diese Reise in Afrika. Die Erfüllung dieses Traumes ist für mich vergleichbar mit einem Sonnenaufgang bei dem sich immer mehr Abstufungen von Licht mit der Entfaltung der Farben vermischt und die Bewegung der Welt ankündigt an einem neuen Tag voller Frische und Möglichkeiten. Ich hab mich mit ganzen Herzen ins Klettern gestürzt und so viel Spass an körperlicher Anstrengung gefunden wie schon lange nicht mehr.
Nur um die Faszination noch etwas weiter zu vermitteln: es beginnt zumeist alles sehr harmlos, eine einfache Route wird zum aufwärmen auserkoren und die Ausrüstung bereitgelegt. Gerade an meinen ersten Tagen kam noch eine Menge Herzklopfen dazu. Dann versuche ich so gut wie möglich die vor mir liegende Route die bis zu 35m in die Höhe geht einzuschätzen, immer so ungefähr die kommenden 5-10 Meter. Wird es gute Griffe geben an denen ich mich ausruhen kann? An welchen Stellen werde ich nach links oder rechts ausweichen müssen? Wie sind die Haken mit denen ich mich ins Seil einhänge und sichere verteilt? An welchen Stellen macht es Sinn mit voller Kraft schwere Bewegungen möglichst flüssig und zügig durchzuführen um danach wieder Kräfte zu sammeln? Beim klettern ist die einzige Einschränkung des Möglichen du selbst. Mit 2 Jahren Erfahrung im Bouldern (klettern ohne Seil in bis zu 3 Meter Höhe mit sehr vielen schweren Kletterbewegungen) wusste ich zwar um meine Kräfte und meine Fähigkeit auch recht schwere Züge zu meistern doch das Taktieren auf vielen Metern am Fels war völlig neu für mich. Dazu kommt eine gewisse Nervosität ab einer gewissen Höhe mit der ich auch immer wieder im Konflikt stehe. Es ist in den meißten Fällen unproblematisch kontrolliert in großer Höhe ins Seil zu fallen. Angenehm ist es aber auch nicht jedes Mal, schließlich musste ich mich manchmal kontrolliert 6 Meter tief fallen lassen bevor das Seil mich langsam bremste. Die Seile beim klettern besitzen übrigens eine gewisse Elastizität, sodass ein Sturz nicht so abrubt endet wie ein Autounfall im Sicherheitsgurt.
All diesen Herausforderungen zum Trotz (und gerade deshalb) ist der Moment des Erfolgs unwahrscheinlich. Eine sehr schwierige Passage und sogar eine ganze Route ohne einen Fehler und Sturz zu klettern ist eine wundervolle Erfahrung; mein Gehirn hat mich so tagelang mit Glückshormonen gefüttert. Neben den kurzfristigen Erfolgen und Momenten des Hochgefühls kommen die langfristen Verbesserungen. Nach einigen Tagen zeichnete sich bei mir schon der erste Sprung ab und nach ein paar Wochen ein weiterer, klettern ist ein ausgezeichnetes Trainig und so konnte ich mich auch stetig verbessern.

Neben dem Klettern selbst gibt es noch so einige andere Vorzüge und Annehmlichkeiten die mit diesem Lebensgefühl (Sport wäre schon ein bischen zu wenig, ähnlich beim Surfen) für mich verbunden sind. Gutes Essen, Tage der in wundervollen Natur umgeben von einmaligen Felsen mit einem Glücksgefühl in dem Moment in dem du auch noch die Aussicht genießen kannst in großer Höhe und natürlich die Menschen. Die Menschen die klettern sind offensichtlich mehr mit einander verbunden als voneinander getrennt, teilen doch alle das Gefühl hier sein zu dürfen und klettern zu können. Das kommt ganz besonders in Gegenden zum Vorschein die zudem auch schwer zu erreichen sind und besonders anmutig in ihrer Schönheit dastehen. Es gibt so manche entspannten, alternativ Gesinnte*n, doch einige Vollzeitkletternde mit hohen Erwartungen an sich selbst und einem für mich etwas abschreckend wirkenden Ergeiz. Doch die allermeißten Menschen die ich traf hatten eine sehr ähnliche Einstellung zum klettern wie ich: Hauptsache klettern. Schwierigkeitsgrade oder Vergleiche sind eher unwichtig für den Spass und die Erfüllung die vom Klettern rührt. Es ist vielmehr das Lebensgefühl das zählt als ein persönlicher Erfolg der – auch wenn er dir den Tag versüßt – am nächsten Tag ja schon wieder vergessen ist.

Zurück vom Klettern zur Reise. Nach einiger Zeit in Montegu beim Klettern passierten zwei Dinge die davon unabhängig recht wichtig waren. Zunächst wurde meine Kamera gestohlen. Das ist sehr ärgerlich, es dauert jetzt viel länger alle Bilder zusammen zu bekommen die ich gerne haben will, manche hab ich bis heute nicht erhalten – entschuldigt daher die ungewohnte Qualität der Aufnahmen. Abgesehen davon hat mir der Verlust mal wieder gezeigt, dass es emotional eine Belastung sein kann ein Ding nicht mehr zu besitzen aber der Schmerz sehr schnell vorübergeht. Nur wenige Tage später ist es schon fast vergessen, eine Gefühl des Ärgers oder Bedauern kommt nicht mehr auf.

Doch viel wichtiger war der Moment der Ankunft von Stephan. Stephan kam nach Montegu auf einem Fahrrad. Nicht irgendein Fahrrad, sondern das abgefahrenste, bunteste, auffälligste, beindruckenste und sowieso genialste Tandemfahrrad das ich jemals gesehen hab. Und so stand ich da mit Stephan vor dem Rad und er erzählt mir wie ihm ein Bekannter das Rad eines Abends anbot als Stephan von seinen Afrikareiseplänen erzählte. Anstatt nun mit dem Bus und anderen Verkehrsmitteln von Cape Town nach Addis Abeba in Äthiopien zu reisen würde er es nun mit diesem Tandemfahrrad machen und übrigens sucht er auch immer Leute die gerne mit wollen… wie bitte?! Ja tatsächlich bot er mir an ihm auf seiner Reise soweit ich wollte zu begleiten, nur strampeln müsse ich ordentlich! Das musste ich mir wiederum nicht lange überlegen, eine solche Gelegenheit ist für mich schon fast eine Verpflichtung, ich konnte sofort das sonnige Potential einer solch ungewöhnlichen Art und Weise zu Reisen erkennen.

Was mir eben auf diesem Rad alles wiederfahren ist und wo wir hingefahren sind und wie abgefahren das alles manchmal sein kann kommt im nächsten Eintrag. Sicher ist aber jetzt schon, es waren wieder einige Sonnenseiten Südafrikas auf unserem Weg.

So far … away!