Südafrika auf dem Fahrrad: durch die Wüste, über die Berge und zurück in die Rocklands

Mein Umstieg aufs Fahrradreisen war sehr unkompliziert. Ich hatte bereits alles dabei was ich dafür brauchte und nicht zuviel um das Rad zu schwer zu machen. Nach nur wenigen Stunden des Rumprobierens und Packens war es dann soweit. Wir machten uns auf die Stadt zu verlassen und mich daran der ungewöhnliche Perspektive des Tandems zu vertrauen. Der Clou an diesem Rad ist nämlich der folgende: die Person auf dem Vordersitz kann nichts tun außer in die Pedalen zu treten. Das erlaubt der Person auf dem Sattel hinter dir also die volle Kontrolle über die Lenkung, Gangschaltung, Bremsen und natürlich die Geschwindigkeit. Außerdem konnte ich auf meinem Panorama-Fahrrad-Frontsessel nur hoffen weit genug am Straßenrand zu sein wenn ein fetter LKW an uns vorbeirast, tun konnte ich dafür nur soviel als das ich Stephan meine Ängste mitteilen durfte. Ähnlich wie beim Klettern wo die Sichernde Person die Verantwortung für das Leben des Kletternden übernimmt, hatte ich mein Glück in Stephans Hände gelegt.

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Bereit für die Wüste: wenns zu steil wurde musste einer von uns absteigen und schieben


Link zu den Bildern: flickr.com

Erstaunlich schnell hatte sich dieser Eindruck der Ohnmacht durch das Gefühl der Faulheit ersetzt. Denn auf dem Vordersitz zu sein bedeutete nicht nur wenig tun zu können, sondern auch zu müssen. Von meinem Platz aus konnte ich schnell anfangen die Umgebung und alles was es zu beobachten gab zu genießen. Wir passierten in unseren ersten Tagen vor allem lange Bergketten und sehr trockene Halbwüsten, unterbrochen von kleinen Orten in denen wir Halt machten um zu essen oder zu schlafen. Durch das Fahrrad war uns dabei während der gesamten Zeit die völlige Aufmerksamkeit aller Menschen sicher. In den Orten wurden wir sofort von den Locals ausgefragt und einige erzählten uns von dem Moment an dem sie uns auf der Straße einen Berg hochkämpfen sahen. Schnell bist du auf dem Tandem auf jeden Fall nicht, vor allem nicht bergauf! Die Menschen waren wirklich oft sehr neugierig und hilfsbereit, mehrere Male kam es vor, dass wir eingeladen wurden. Dabei trafen wir auch auf einige merkwürdige Gestalten. So ein älterer Dude in einer Bar der von sich sagte er hätte als Polizist in Johannesburg gearbeitet. Das sei lebensgefährlich und wir sollten auf keinen Fall in diese Stadt fahren, stattdessen sollen wir ihn lieber in der nächst größeren Stadt besuchen, sein Sohn hätte dort eine Vogelstrauss Farm. Dann würden wir soviel Vogelstrauss vom Grill bekommen wie wir wollten und wenn uns der Sinn danach stünde könnte Mensch die Viecher auch noch reiten vorm Essen. Oder wie in unserem Fall schnell das Bier trinken und sich nach anderen Gesprächen umschauen.

Die Halbwüste in wir unsere meißte wache Zeit verbrachten machte uns allerdings auch zu schaffen. Hitze, brennde Sonnenstrahlen, Gegenwind, steile Anstiege, mit einem eklatanten Mangel an kühlendem Fahrtwind und ein deutlich erhöhter Wasserkonsum vermittelten mir unmittelbar wie extrem es sein kann auf einem Rad durch Afrika zu reisen. Manche der anderen Verkehrsteilnehmer*innen dachten sich das auch und hielten mit einem großemn Tourenmotorad neben uns während wir in der Sonne standen und überreichten uns aus heiterem Himmel kalte Softdrinks – was für ein Geschenk!

Eine der besten Eigenschaften des Tandems ist neben den Aufmerksamkeiten Anderer die Möglichkeit sich gegenseitig Aufmerksamkeit schenken zu können. Während wir uns also durch die sengende Hitze einer leeren wüstenartigen Landschaft bergauf kämpften und schwitzten, konnten wir uns ausgiebig vollquatschen. Und getreu dem Sprichwort das geteiltes Leid nur halbes Leid ist, half es tatsächlich sehr die Anstrengung gemeinsam zu unternehmen, so kommt nie das Gefühl auf abgehängt zu werden. Zudem teilten wir dann auch die Abfahrten zusammen, sprich mit 50km/h einen Pass runterbrettern, was für ein Spass!

Einmal erreichte der Grad an Aufmerksamkeit einen Punkt mit dem selbst wir nicht gerechnet hatten. Nach einem langen Tag auf der Straße kamen wir in einem größeren Ort namens Oudtshoorn an und wurden dort bereits erwartet. Ein Reporter der lokalen Zeitung hatte einige (!) Telefonanrufe bekommen und wurde gefragt wer wir sind und was wir vorhaben. Also stellte er uns genau diese Fragen und heraus kam ein Hauch von Übermütigkeit auf unserer Seite – schließlich waren wir jetzt Stars – nebst einem Zeitungsartikel den ihr euch hier anschauen könnt: Original in Afrikaans (LINK) und die Übersetzung von Google auf Deutsch (LINK)

Nach so viel Aufregung mussten wir uns zunächst einmal ein paar Tage am Pool entspannen bevor wir aufbrachen um ein großes Höhlensystem ganz in der Nähe zu besuchen. Die Höhlen waren vor allen dadurch gekenzeichnet, dass diese absolut perfekt für ein Hardcore, Doommetal oder Stonerrock Konzert geeingnet waren. Die riesigen Stalaktitien und Stalakmieten (letztere wachsen von unten nach oben) waren beeindruckend schön und voller kleiner Assoziationen durch ihre vielen kleinen Formen. Es ist ein bischen so als würdest du durch eine Mininaturwelt laufen die nicht Menschen gebaut haben sondern physikalische, chemische und biologische Prozesse hervorgebracht haben. Am Ende als ich das Höhlenuniversum verließ war ich mergkwürdigerweise bedrückt und erleichtert zugleich. Bedrückt den schönen Ort zu verlassen aber erleichtert wieder unter freiem Himmel zu stehen.

Das Tandem eigente sich nicht nur Fortbewegungsmittel. Es ist auch eine materiell gewordene Einladung zur Kommunikation und Spiel mit so ungefähr jeder* auf den Straßen und in der Öffentlichkeit. So kamen wir beispielsweise nach unserer kleine Höhlenexpedition nach draußen und unterhielten uns für eine Weile mit den Mitarbeitenden an dem Infotresen über das Fahrrad und luden diese ein eine kleine Probefahrt mit uns zu machen. Nicht alle haben sich getraut, doch wer es wagte machte einen sehr freudigen Eindruck!

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Vor den Kangaroo Caves auf einer kleinen Probefahrt

Ein paar Tage später sollte unsere kleine Fahrradtour mit der Ankunft eines Freundes von Stephan auch schon zu Ende gehen. Dieser hatte ein Auto und wir alle unglaublich Bock nochmal richtig derbe klettern zu gehen. So entschieden wir das Fahrrad in den Kofferraum zu stecken (es lässt sich recht einfach zerlegen) und in eines der bekannteste Kletter- und Bouldergebiet Südafrikas zu fahren: die Rocklands in den Cederbergen. In kauf nehmen mussten wir dafür eine lange Fahrt im Auto auf fast genau der Strecke die wir zuvor mit dem Rad bestritten hatten. Manchmal bewegst du dich eben rückwärts um vorwärts zu kommen!
Um dem Übergang etwas feierliches zu verleihen haben wir noch auf ein kleines Dirtroad Abenteuer eingeschoben. Mit dem Auto fuhren wir den Swartberg Pass hinauf und mit dem Tandem ohne Gepäck wieder hinunter. Die Felsen, Gesteine und Berge an diesem Ort sind wahrhaftig atemberaubend, Gesteinsschichten stehen vertikal dem Himmel entgegenlaufend an der Straße, andere wurden gebogen und gedehnt wie das Innere eines Franzbrötchens, es ist fast so als hätten die Kräfte der Erde zuviel Zeit zum spielen gehabt.

So far … away


2 Antworten auf „Südafrika auf dem Fahrrad: durch die Wüste, über die Berge und zurück in die Rocklands“


  1. 1 Nicole 02. Mai 2017 um 13:12 Uhr

    Liebe:-*

  2. 2 Hanna 11. Mai 2017 um 14:36 Uhr

    weiter so, Merlin!

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