Wandernde Hügel, singender Sand, berauschende Schönheit

Die Wüste. Ein Ort ohne Wasser. So denke ich immer wieder die Wüste. Ein Ort der sich vor allem durch die Abwesenheit von Dingen definiert. Kein Wasser heißt keine Vegetation und als letzte Konsequenz keine Menschen. Die Wüste als Raum der Negation des Lebens, für mich vergleichbar mit der Oberfläche des Mondes – weit und lebensfeindlich. Ich war extrem neugierig was mich erwarten würde, wie es sich tatsächlich anfühlen würde dort zu sein.

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Die Sandwüste vor dem Sonnenaufgang



Bilder: flickr.com

Mit dieser Auffassung im Kopf stehe ich an der Straße mit 2 Freunden die ich in Marokko kennengelernt habe und auch reisen. Wir haben es nach einigen Stunden Wartezeit geschafft ein Auto anzuhalten das uns drei Hobos in die Wüste bringen würde und der erste additive Eindruck dieser mir unbekannten Landschaft beginnt sich in meinem Körper eine permanente Präsenz einzurichten: die Hitze. Omnipräsent und erdrückend. Wie eine viel zu dicke Decke an einem warmen Sommermorgen, nur diese kann ich nicht einfach von mir werfen um kurz darauf unter ner kalten Dusche zu stehen. Die Luft ist so heiß das wir im Auto die Fenster bis auf einen Spalt geschlossen halten. Wären sie geöffnet würde es sich anfühlen als ob dir jemand einen Fön ins Gesicht halten würde. Gleichzeitig verwandelt sich alles um uns herum in eine weite, hell leuchtende und steinige Ebene mit ein paar Bergen in der Ferne. Die Sanddünen sind noch nicht in Sicht und ich mache mir bewusst wie klein der Anteil der Sandwüsten an allen Wüsten der Erde ist. Hier regieren die Steine. Mit aller Härte strahlen sie die Unwirtlichkeit und Eintönigkeit dieser Gegend aus. Ich fühle mich ein Stück weit in meiner Vorstellung bestätigt doch die Hitze blockiert alle weiteren Gedankengänge und ich schlafe bis wir angekommen sind.

Im Dorf unserer Ankunft ist augenscheinlich niemand. Also begeben wir uns zunächst in ein Café um die Hitze abzuwarten. Eine Stunde vor Sonnenuntergang wagen wir uns wieder hinaus und siehe da die BewohnerInnen des Dorfes tun es uns gleich. Innerhalb einer halben Stunde errichtet sich ein ganzer Markt vor dem Café und es beginnt ein reges Treiben. An dem Treiben haben wir allerdings wenig Anteil, wir wollen schnell weiter zu den Dünen. Die Größte von ihnen ist schon von weitem sichtbar, ein Berg in gelb. Entsprechend einfach war die Navigation, einfach drauf zu. Mit jeder Station näher zu den Dünen intensivierte sich die Aufregung. Erst ging die Sonne unter und tauchte die Szene auf die wir uns zubewegten in ein weiches Licht. Kurz darauf erreichten wir die ersten Ausläufer der Dünen und unter unseren Schuhen knirschte nicht länger der harte Schotter einer Straße. Es war der sanft anmutende Sand der vortan unsere Schritte tragen würde. Unsere Füße bekamen diese Veränderung unmittelbar zu spüren als wir alle unsere Schuhe auszogen um dem warmen nachgiebigen Sand mit unseren nackten Sohlen zu spüren. Außerdem ist der Sand Barfuß angenehmer als in deinen Schuhen wo es sich nur so anfühlt als hätte jemand ne Socke reingestopft bevor du die Latschen angezogen hast.

Da sind wir also, mit unseren Rucksäcken auf dem Weg die erste Düne hinauf, was nicht einfach ist da du bei jedem Schritt aufwärts einen halben hinunter rutscht, und langsam erschließt sich uns das Bild der Wüste um uns herum und die Aufregung beginnt Überhand zu nehmen. Die Euphorie über diese einmalige und unwahrscheinliche Erfahrung schießt in unsere Köpfe und das Lachen bricht aus uns heraus. Das Lachen welches genau solch einen Moment begrüßt als Ausdruck unseres Bewusstseins etwas großes zu erleben. Lachend und euphorisch erreichen wir eine Gruppe von Bäumen inmitten der Dünen, welche wiederum einen Brunnen in ihrer Mitte haben. Zu unserer Überraschung ist niemand dort und wir vereinnahmen den Platz sofort. Befreit von unseren Rucksäcken verlassen wir den Schutz der Bäume und laufen wieder ein Stück weit die Dünen hinauf um den Eindruck der Wüste auf unsere Sinne noch tiefer wirken zu lassen.

Es ist in diesem Moment in dem mir bewusst wird welche weiteren additiven Eigenschaften mit der Sandwüste verbunden sind. Mit anderen Worten, ich begann zu erkennen was die Wüste IST und was sie HAT, anstelle eines Bildes welches sich aus dem Fehlen gewisser Dinge herleitet. Die Renovierung dieses Bildes begann mit der Hitze und setzte sich fort mit den habtischen Qualitäten des Sandes wie bereits beschrieben. Nun hatte die Ruhe um mich auf den nächsten Sinn zu konzentrieren. Ich schaute mir die Sandwüste an und war fasziniert.

Ich sah die weichen, ungebrochenen Formen der Dünen, die Formbarkeit des Sandes welcher vor mir im Wind die Düne hinaufwanderte, die unendlich anmutenden Wiederholungen der Dünen die sich zwar sehr ähnlich sind aber doch nicht gleich und sich wie ein gefrorenes, aufgepeitschtes Meer über die gesamte sichtbare Fläche vor mir ausbreitet. Ich sah wie die Dünen sich gegenseitig formen indem sie den Wind beeinflussen, so würde eine Düne im Windschatten der Anderen kleiner ausfallen oder gar ein Tal bilden. Auch die Dünen selbst tragen ein Abbild der Sandwüste auf sich. Die Oberfläche einer unberührten Düne hat dieses unverkennbare Muster das wir alle von Fotos kennen. Die vom Wind geschaffenen wellenförmigen Linien erstrecken sich uneinsehbar weit entlang der Düne und bezeugen die Unbeständigkeit der Wüste. Alles ist in Bewegung und der Sand den ich heute anschaue ist aller Wahrscheinlichkeit nach morgen nicht mehr dort.

Nachdem ich mich für eine Weile satt gesehen hatte setzte ich mich auf den Gipfel einer Düne und schloss die Augen. Als erstes verblieb vor meinem inneren Auge das Bild um mich herum und verband dieses unmittelbar mit der Weite der Landschaft, was wiederum ein Gefühl der Freiheit in mir hervorrief. Dann langsam versickerte dieses Bild im Sand und ich begann mir des nächsten Sinnes bewusster zu werden. Ich begann der Wüste zuzuhören. Und erneut ließ mich das was ich zu hören bekam an das Meer denken. Ein vielschichtiges Rauschen umgab mich. Da war das unbeständige Rauschen des Windes, dieser bließ mal mehr mal weniger stark und überdeckte so das darunterliegende Rauschen des Sandes. Der Sand welcher die Dünen hinauf- und hinabwanderte erzeugte ein Rauschen wie ich es bereits vom Strand kannte. Nur war es dieses Mal von einer umschließenden Qualität, es war überall um mich herum und bließ den Gedanken in meinen Kopf, dass dieser Sand von weit weit her gekommen ist und sein Rauschen wohl oft das Einzige ist was Menschen in der Wüste neben dem Wind zu hören bekommen. Der singende Sand und sein altes Lied muss schon seit langer Zeit im kollektiven Gedächtnis der Menschen existieren und ich wunderte mich welche Gedanken, Geschichten und Gewissheiten sich diese wohl daraus hergeleitet haben. Die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit der unmittelbaren Dinge im Gegensatz zum unverrückbaren, universellen Prinzip welche ihnen zugrunde liegen, könnte ein Beispiel sein. Dünen entstehen und vergehen jederzeit, das darunterliegende Prinzip dagegen ist unverändert. Aus Dünen entstehen neue Dünen, nicht dieselben aber doch die Gleichen.

All diese Beobachtungen kamen zu mir in der vom Vollmond erleuchteten Nacht. Es ist mal wieder nicht übertrieben davon zu sprechen das es ein magischer Moment gewesen ist. Es sollte sogar noch besser werden. Am nächsten Morgen erwachten wir noch vor Sonnenaufgang um die größte Düne in Sicht zu erklimmen. Es war tatsächlich relativ kalt und wir hatten Jacken an. Auf unserem Weg zum Gipfel wurde es langsam hell und wir sahen uns um und waren erneut ergriffen von Euphorie. Wir erblickten in der Dämmerung was wir schon zuvor erahnt hatten uns aber in seiner Ästhetik und Anmutigkeit schlicht berauschte. Die Weite und Schönheit der Sandwüste, alt und jung zugleich, ewig erneuert in ihren weichen, ungebrochenen Formen, die sich zwar in gewisser Weise voneinander unterscheiden ließen aber zugleich untrennbar wirkten. Dazu kam schon bald die Freude den Gipfel erklommen zu haben und der Rausch uns an dem Wunder vor uns nicht satt sehen zu können. Wir liefen auf dem Grad der riesigen Düne hin und her und ich fühlte mich wie der König der Welt und zugleich winzig und unbedeutend im Angsicht der Wüste. Ein Gefühl das ich übrigens aus dem Himalaya erinnere. Diese Erfahrungen mit den unbegreiflichen, majestätischen Wundern der Welt sind ein Schatz den ich nur allzu gern immer wieder aufspüren will. Zuletzt setzte die Müdigkeit ein, die Sonne war aufgegangen, wir gruben uns in den wärmdenden Sand ein und fielen in einen unbetrübten, sorgenfreien Schlaf.

Zuletzt erfuhr ich dann noch am gleichen Tag, es war Nachmittag geworden, wie feindselig die Wüste auch sein kann. Es ereignete sich nämlich etwas das du dir nicht wünscht wenn du in der Wüste bist. Es kam ein Sturm auf. Und ein Sturm in der Sandwüste lehrt dich vor allem eines: singender Sand ist dein Freund, horizontal durch die Luft peitschender Sand ist es nicht. Der Sand eroberte innerhalb kürzester Zeit unsere Leben. Drang in jede erdenkliche Faser unseres Seins und unserer Sachen. Es war denkbar unangenehm und ich erahnte dunkel was es wohl bedeuten würde eine Wüste zu durchqueren. Eine für mich nach wir vor unvorstellbare Qual. Solche Bedingungen längere Zeit zu durchleben muss dich ganz schön abhärten. Auch etwas das sicher schon vor langer Zeit die Mentalitäten und Kulturen der Menschen geprägt hat. Und verständlicher Weise wenden sich die meißten Menschen von solch einem entbehrlichem Leben ab. Der Komfort der Städte ist reiner Luxus und muss dir wie eine Fata Morgana erscheinen während du Sand isst, atmest, spürst, siehst, hörst, denkst und sogar träumst.

Wer weiß vielleicht werde ich eines Tages diese Erfahrung machen. Der Eindruck aus der Wüste hat mich auf jeden Fall nicht abgeschreckt.

So far … away!