Alte Stadt, neues Büro

Ungewohnte Vertrautheit und das vertraute Gefühl des Ungewohnten erwarteten mich in den ersten Stunden in Addis Abeba. Zum zweiten Mal betrete ich nun diese Stadt, erneut beschäftigt mich hier als erstes ein Auftrag, erneut bin ich aufgeregt. In den kommenden 4 Monaten erwarte ich viele neue Eindrücke und unbekannte, herausfordernde Situationen, nur sind diese jetzt oftmals in einer neuen Sphäre anzutreffen. Ein ganz neues soziales Gefüge sollte sich mir eröffnen, auf den ersten Blick mindestens genauso interessant und unübersichtlich wie Straßen und Menschen der Großstadt. Während mir die Busse, Minitaxis, Motoräder, LKW, riesen Stahlbetonbauskelete, breiten verstopften Schnellstraßen und schmalen versifften Seitenstraßen alle noch bestens bekannt und vertraut waren, so ist das GIZ Büro eine neue Welt für sich. Eine Welt mit ihren eigenen Regeln und sozialen Konventionen, die zu verstehen wohl für jeden den ersten Teil der Arbeit darstellt.

Doch Schritt für Schritt. Erst kam die Stadt dann das Büro. Addis ist eine Stadt wie keine andere (denn jede Stadt ist ja auch einzigartig) und doch gleichzeitig unglaublich generisch, einfallslos, grau, dreckig – ja schon toxisch. Sich durch Addis zu bewegen kann so ästhetisch aufreizend sein wie die grauen Anzüge der Banker in dem Viertel unseres Büros, zugleich ist es oft so siffig, abgerissen und unberechenbar wie die Klamotten und Seelenzustände des städtischen Prekariat. Die Lebenswelten der beiden genannten Gruppen, Banker und Bettler, liegen unglaublich weit auseinander und auch ich stehe mit meinen Privilegien auf der anderen Seite der Straße. Die unaussprechbare Ungerechtigkeit bekümmert hier meinem Erachten nach allerdings nur wenige. Eine Freundin die sich für Menschen auf der Straße einsetzt sagt, dass die Leute was tun sollen um an Geld zu kommen, wer gesund ist braucht nicht zu betteln. Das klingt für mich erstmal hart, viele dieser Menschen leben nicht auf der Straße und haben keine Arbeit weil sie faul sind oder unfähig, sondern weil ihnen die strukturellen Chancen für eine Teilhabe am (Stadt-)Leben von vornherein verwehrt werden. Bildung, Herkunft, Habitus, Geld, es ist das gleiche Spiel wie an vielen Orten auf der Welt auch – einmal Verlierer immer Verlierer … oder auch nicht. Denn eine andere Welt wäre durchaus möglich, das Interesse der herrschenden Klasse aber naturgemäß klein. Um doch was zu bewegen hat es in Äthiopien schon seit einer ganzen Weile immer wieder Aufstände und Proteste gegen die Regierung gegeben. Eine der neuesten Entwicklungen ist der Wechsel an der Spitze der Regierung: eine neuer Premier aus der zahlenmäßig größten Ethnie, den Oromos, soll das Land wieder zusammen bringen und durch Reformen grundsätzliches verändern. Ob das gelingt bezweifeln viele, denn alte Eliten geben selten freiwillig ihre Vorteile auf. Mehr Infos findet ihr hier: dw.com.

Natürlich gibt es auch schöne Geschichten aus Addis. Menschen die guten Herzens sind und gute Intentionen verfolgen gibt es hier genauso wie überall und das Gute manifestiert sich in kleinen Gesten und großen soziale Praktiken. Ein Beispiel welches ich erst heute wieder beobachtet habe, zeugt von einer Form der Solidarität die den Straßenkindern entgegengebracht wird. In Äthiopien ist die Leibspeise Injera, ein weiches, gesäuertes Fladenbrot aus Teffmehl, welches häufig in so großen Mengen serviert wird, dass die Leute es nicht aufessen können. Das übriggebliebene Essen wird dann entweder zu einer Mahlzeit für den Folgetag verarbeitet (sogenanntes Firfir) oder aber gesammelt und an die Straßenkinder verschenkt. In einem Land in dem es (fast) keine öffentlichen sozialen Sicherungssysteme gibt ist eine derartige praktische Solidarität häufig das Einzige worauf die Menschen in prekären Lebensumständen bauen können.

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Auf dem Weg zur Arbeit: beeindruckende Architektur á la Addis

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Auf dem Weg zur Arbeit: Schuhputzer

Nun gut, soviel zunächst zur Stadt, kommen wir zurück zur GIZ. Das soziale Gefüge der GIZ folgt zunächst einer scheinbar nachvollziehbaren Struktur auf dem Papier. Doch hier stecken auch schon die ersten Tücken im System, das Abbild ist weder auf dem neusten Stand, noch geht daraus so richtig hervor welche Person für was verantwortlich ist. Diese Frage beantwortet sich für mich nur durch Zeit und viel Fragerei. Die ersten Wochen drehen sich schnell um folgende fiktive Situation: Du willst dein Visum verlängern. Ein klarer Auftrag, doch zunächst musst du fünf Leute fragen bevor du glaubst alle notwendigen Informationen gesammelt zu haben. Ein Informationsbruchstück besagt das ein Dokument von der GIZ beantragt werden muss. Gefragt, getan stehst du ein paar Tage später mit dem Papier in der Hand da und bewunderst die schönen Buchstaben darauf – das Dokument ist in Amharisch. Die Sprache hat formschöne, verschnörkelte Zeichen und vermittelt das Gefühl einer alten, antiken Kultur. Leider ist es dir dadurch gänzlich unmöglich einen kleinen, aber entscheidenden Fehler auf dem Dokument zu entdecken. Es wurde nämlich gar nicht für dich ausgestellt und auch nicht von der GIZ, sondern von einer ganz anderen Behörde um dessen Existenz du bisher auch nicht wusstest. Und erst als du schon in der für Visa-Angelegenheiten zuständigen Behörde stundenlang mit einigen Beamten diskutiert hast, kommt raus, dass all deine Zeit ganz umsonst war – denn auf dem Dokument steht klipp und klar: „Die hochgeschätzte Frau*Mann deren Visa-Antrag wir bewilligen …“ (such dir unpassenderes aus). Der Überzeugung der vor dir sitzenden Beamten nach, warst damit eindeutig nicht du gemeint. Also – zurück ins Büro und dir einen neuen Zettel ausstellen lassen. Das wirft wiederum das Problem der Zuständigkeit auf: wer muss jetzt was tun, um ein neues Papier von wem zu bekommen? Erneut drei Leute überzeugt und Tage gewartet stehst du wieder in der Visa-Behörde und wieder durchläufst du stundenlang die bürokratischen Prozesse und hoffst, dass dieses Mal kein Fehler gefunden wird…

In Wirklichkeit war das alles noch viel komplizierter und zeigt mir vor allem eines: je größer die Struktur, egal wie hierarchisch diese aufgebaut und geführt wird, desto mehr Fehler passieren und desto länger werden die (Um)Wege um ans Ziel zu kommen. Und die GIZ ist schon eine riesige Struktur, wenn ein solcher Riese sich dann auch noch mit einem anderen Riesen vereinen muss um ein Visum zu zeugen werden häufig ein Haufen Probleme geboren.

Und nun genug von Strukturen, jetzt mal ein kleiner Einblick in unser täglich Brot im Büro. Unser erster Tag war erstmal unaufgeregt aufregend – also alle anderen waren unaufgeregt und ich gespannt was passieren würde. Die für uns zuständige Person war im Urlaub, also gab es zunächst wieder ein strukturelles Defizit, und wir bekamen als Ausgleich eine Einführung auf einem USB Stick. Nicht wie ich mir eine Begrüßung in einer völlig neuen Umgebung vorstellen würde … aber gut, werfen wir mal die Laptops an und klicken uns durch die Firmenphilosophie unseres neuen Arbeitgebers. Dabei wunderten wir uns wie viel wohl von den hohen Ansprüchen, die in vielfältiger Wortgewalt vor uns ausgebreitet wurden, tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Zugleich überlegten wir wie es wohl sein wird mit so vielen Vorgesetzten (mindestens drei) zu arbeiten und wieviel Freiheit wir wohl in der Gestaltung unserer Arbeit haben bekommen würden.

Wir wurden positiv überrascht. Nach ein paar Anfangsgesprächen bei denen unsere Aufgaben besprochen wurden, hatten wir bisher viel Freiraum für die Umsetzung. Doch was sind eigentliche unsere Aufgaben? Was machen wir überhaupt bei der GIZ?

Verkürzt gesagt sind wir in der Abteilung für Wälder gelandet. Das Programm in dem wir arbeiten sorgt sich um den Erhalt und die Wiederaufforstung von Nationalparks, den Verkauf von Waldprodukten wie Honig, die Planung und Durchführung von Baumplantagen, die Beratung zuständiger Behörden für Waldfragen, die Bearbeitung des Zusammenhangs von Biodiversität und Klimawandel und um die Ausbildung der Menschen innerhalb und außerhalb der GIZ, um das alles umsetzen zu können. Diese Liste ist ganz sicher unvollständig und ich bin auch noch gar nicht lange genug dabei um alles gesehen und gehört zu haben.

Wir sind mit unseren Aufgaben in der Ecke der Waldprodukte gelandet. Unser Ziel soll sein, den Myrrhe und Weihrauch-Sektor auf ökonomischer und ökologischer Ebene zu analysieren, um entsprechende Ressourcen für die lokale Bevölkerung nachhaltig nutzbarer zu machen. Simon soll vor allem einen Überblick über die Produktion und den Handel mit Myrrhe und Weihrauch in Äthiopien erstellen, die entsprechenden Wertschöpfungsketten analysieren, Probleme identifizieren und Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Erschwerend kommt hierbei hinzu, dass der Großteil des geerntet Baumharzes ohnehin illegal außer Landes gebracht wird.
Ich frage mich vor allem: Wo wächst Myrrhe und Weihrauch, unter welchen Bedingungen? In welchem Zustand sind die Wälder und wie haben sie sich verändert? Wie werden sie von den Menschen genutzt und wie lassen sich die Bäume in Zukunft nutzen, ohne ihren Bestand zu gefährden. Simon wird sich demnach an die Spur des Handels heften während ich den Bäumen nachstelle. Am Ende soll ein Bild von Myrrhe und Weihrauch für ganz Äthiopien entstehen.
Und auf Grundlage dieses Bildes soll ein Teil des Geschäfts mit diesen Ressourcen so organisiert werden, dass vor allem die Menschen in den Dörfern davon profitieren können. Denn hier ist das Problem der vielen Zwischenhändler zentral. Diese sammeln von vielen Dörfern Myrrhe und Weihrauch, um die Produkte dann in großen Mengen ins Ausland zu exportieren. Dabei bleibt natürlich ein Teil des Geldes bei den Zwischenhändlern. Geld das auch bei den Menschen in den Dörfern landen könnte. Soweit ich das verstanden habe, geht es aber auch nicht darum nun alle Zwischenhändler auszuschalten indem wir bereits bestehende Strukturen ersetzen, sondern vielmehr neue aufzubauen.
Dann können die Leute selbst entscheiden ob sie sich einer Kooperative anschließen die an einen Zwischenhändler verkauft oder einer die sich mit anderen als Union zusammentut, um selbst zu exportieren. Naja soweit der Plan. Noch wurde überhaupt nix irgendwohin von den Leuten selbst exportiert und der Aufbau eines solchen Unterfangens braucht auch seine Zeit. Dazu schreibe ich bestimmt an anderen Stelle nochmal mehr.

Zuletzt noch ein paar Worte zu den Menschen im Büro. Das ist nämlich sehr angenehm bunt gemischt. Hauptsächlich arbeiten hier Leute aus Äthiopien und D-Land zusammen, es gibt die jungen Praktikant*innen wie mich und Simon und die festen Angestellten. Dabei wurde anscheinend besonderer Wert auf eine ausgeglichene Verteilung der Geschlechter geachtet und die sonst so dominanten patriarchalen (also männlich bestimmten) Strukturen sind hier deutlich weniger ausgeprägt. Eine Frau* wird als Vorgesetzte (meiner Beobachtung nach) akzeptiert und es gibt eine entspannte, wenn auch förmliche Art des Umgangs. Was es zum Glück nicht gibt ist das Gefühl der ständigen Beobachtung und Beurteilung deiner Leistung. Die Menschen um uns herum arbeiten, soweit ich das beurteilen kann, selbstständig und entlang der getroffenen Absprachen ohne die spontan aufkommenden Bedürfnisse Anderer zu missachten.
Ich kann jede Person (fast) immer ansprechen und die Menschen nehmen sich sofort die Zeit, um meine Fragen zu beantworten. Das funktioniert ganz gut und über dieses Fragespiel ist es auch möglich die Menschen zu finden, die dir tatsächlich mit bestimmten Anliegen weiterhelfen können. Wenn sie nicht gerade weg sind – denn bei der GIZ ist es anscheinend eine Selbstverständlichkeit in regelmäßigen Abständen das Büro zu verlassen und in die Gebiete zu fahren, zu denen du arbeitest. Das ist definitiv etwas positives, so können Menschen überhaupt wirksame Arbeit machen und authentische Erfahrung sammeln. Auf der anderen Seite werden dafür ganz schön viele Ressourcen verbraucht und es ist schon auffällig, das ausgerechnet eine Organisation die sich Sorgen um den Klimawandel macht, ihre Leute ständig in den dicksten Autos umherfahren lässt oder in Flugzeugen durchs Land schickt. Natürlich macht die Beschleunigung der Welt durch Technologien auch im Falle der GIZ keine Ausnahme. Heute kann Mensch in wenigen Stunden von einem Kontinent auf den nächsten gelangen und mit den Möglichkeiten wachsen auch die Ansprüche, woraus sich wiederum neue Selbstverständlichkeiten ergeben. Eine große Organisation wie diese muss eben mit der Zeit gehen, auch wenn die neuen Technologien eigentlich nur bedingt in ihrem Interesse arbeiten.

Doch bleibt es ohne Frage höchst interessant, in Äthiopien zu arbeiten und ich bin auch stolz und glücklich meine Fähigkeiten einbringen zu können. Wie genau das ausschaut, werde ich noch selbst herausfinden.

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Schreibtisch-Welten

Und im nächsten Blogeintrag gibt’s dann auch wieder (viel) weniger Bürogeschichten und (viel) mehr Abenteuer, denn wir verbringen ja zum Glück nicht unsere ganze Zeit an Schreibtischen.

So far … away!