Drei kleine Geschichten aus Äthiopien

An den Wochenenden ist es uns ein unglaublich wichtiges Vergnügen Addis zu verlassen. Den bleiernen Smog und die ununterbrochene Hektik hinter sich zu lassen, um die angenehmen Seiten des Landes zu genießen, sind für uns immer dringend notwendige und sehnsüchtig erwartete Ausflüge. Dabei wiederfahren uns natürlich auch immer wieder aufregende und interessante Momente. So sind wir in unserer ersten Geschichte in einem wundervoll sanften Bergwald unterwegs, während wir tiefe Einblicke in dunklen Aspekte der äthiopischen Sexualität geschildert bekommen. In der zweiten Geschichte befinden wir uns in einer tausend Jahre alten Terrassenlandschaft, in der das wichtigste Nahrungsmittel Äthiopiens angebaut wird: Teff. Neben der beeindruckenden Anbaumethode erfahren wir hier auch einprägsame Momente der äthiopischen Tourismusförderung. Die dritte Geschichte spielt sich in Addis ab und erzählt von einen ganz normalen Fall vielfältiger Biographien und dem Wahnsinn unseres Feierabends.

Simon & Merlin
Also, hereinspaziert und mitgemacht! Nur ein kleiner Schluck aus dieser Flasche lässt die wildesten Fantasien wahr werden!

Kapitel I
Sanfter Wald, starker Wille

Am Wochenende früh aufstehen – nicht etwas, das ich gerne freiwillig tun würde. Es sei denn, dadurch ermöglicht sich die Gelegenheit, die urbane Unterwelt von Addis zu verlassen. Die Hoffnung auf grüne Landschaften, saubere Luft und erholsame Ruhe treibt uns fast jedes Wochenende aus der Metropole in die Wälder und Berge. Dieses Mal ist es ein richtiger Gruppenausflug – ein Haufen Praktis und ihre Freund*innen haben einen Bus organisiert, mit dem wir ganz entspannt direkt in den ältesten Nationalpark des Landes fahren: Menagesha Suba.

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Erste Schritte im Wald mit der ganzen Horde

Der sehr bergige Wald mit tief eingeschnittenen Tälern und ehrwürdig alten Bäumen überraschte mich vor allem durch seine Gemütlichkeit und Zahmheit. Alles ließ sich problemlos anfassen – nichts ist giftig oder stachelig, du konntest überall herumlaufen – das Unterholz war zwar üppig, aber nicht so dicht, dass es eine undurchdringliche Wand wäre und die Luft und Ruhe erinnerte an einen Rückzugsort für meditierende Einsiedler*innen. Dazu kam die erholsame, ausgleichende, wenn auch anstrengende Bewegung, denn den ganzen Tag in einem Bürostuhl zu verbringen ist irgendwie auch ne Form von Selbstgeißelung.

Nur die Gruppe ging uns schnell auf die Nerven und so machten wir uns – Simon, Talaga und ich – schon bei der erst besten Gelegenheit auf zu eigenen Abenteuern und streunten zu dritt durch den Wald. Auf unseren Wegen bekamen wir jede Menge schwarz-weißer Collubus Affen zu sehen und tauschten unsere Lebensgeschichten aus.

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Der Ort an dem sich unsere Wege trennten …

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Die Collubus Affen sind wirklich sehr schwer zu fotografieren und sehr gut im verstecken

Die Gespräche aus Talagas Leben sind mir dabei besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ihre Biographie ist geprägt von einer sehr frauenfeindlichen Umgebung in der sie aufwuchs und häuslicher Gewalt in ihrer Ehe. Sie erzählte uns von dem vielen Elend das viele Frauen erleben müssen, so ist die Genitalbeschneidung der Frau nach wie vor gängige Praxis. 74 % aller Frauen sind beschnitten. Das Patriachat hat in Äthiopien eine völlig andere – für mich nur schwer begreifbare – Dimension als in D-Land. Mehr Zahlen und noch mehr Eindrücke gibts hier: Terre des Femmes.

Talaga erzählte uns weiterhin wie im Denken der Befürwortenden von derartigen Beschneidung auch ein Besitzanspruch durchgesetzt wird. Eine beschnittene Frau geht nicht fremd, sie hat keine eigene Libido, die sie dazu antreiben würde. Zudem müsse sich so der Ehemann beim Sex nicht mehr um die Befriedigung der Frau kümmern. Glücklicherweise konnte sie selbst diesem Schicksal entgehen, indem sie sich gegen diese Praxis auflehnte und bei ihren Großeltern versteckte. Auch ließ sie sich von ihrem Ehemann scheiden, nachdem sie die Schnauzte voll hatte. Stattdessen arbeitete sie in Einrichtungen gegen häusliche Gewalt und half anderen Frauen sich gegen die Scheiße unter dem Deckmantel der Ehe zur Wehr zu setzen.

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The one and only – Lebenslust und Freiheitsdrang in Person

Zurück zum Wald, schlagen wir unsere eigenen Wege durch das Unterholz. Dabei stoßen wir auch immer wieder auf kleine Tierpfade und größere Wege, die wir bei Bedarf wieder verlassen um unsere Richtung beizubehalten. Dank des GPS von Simon kommen wir dann auch pünktlich 2 Minuten vor der vereinbarten Zeit wieder bei der Gruppe an. Genug Zeit für ein Gruppenbild und einen letzten kleinen Zwischenstopp bei der Meta-Brauerei.

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Und das sind noch nicht einmal alle Praktikanten der GIZ in Äthiopien!

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Das beste Bier Äthiopiens

Meta Bier ist eine Marke die aus der Zeit des Kommunismus in Äthiopien stammt und mir und Simon mit Abstand am besten schmeckt. Prost – auf die Emanzipation von jeder Unterdrückerscheiße und die unübertroffene Offenheit und tief beeindruckende Stärke von Talaga!

Slideshow mit mehr Bildern:
Sanfter Wald, starker Wille

Kapitel II
Beackerte Berge, berüchtigte Bürokraten

Unser nächster Ausflug führte uns ins äthiopische Hochland. Um den kleinen Ort Ankober ranken sich nicht nur Geschichten von heiligen Königen und epischen Schlachten, er ist auch wunderschön an dramatischen Berghängen gelegen. Diese führen hinauf auf ein Plateau von knapp 2600 m über dem Meeresspiegel. Besonders bewundernswert in dieser Gegend ist die Fähigkeit der Menschen, diese Berghänge durch Terrassierung für ihre Landwirtschaft nutzbar zu machen. Gerade in der momentan vorherrschenden kleinen Regenzeit sind die Felder unglaublich grün und saftig.

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Ankober und seine Kühe

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Eindrucksvoller Terrassenbau – vermutlich auch schon tausend Jahre alt

Doch sich an derlei fantastischer Landschaft in Äthiopien als ausländischer Touri erfreuen zu dürfen ist nicht immer leicht. Noch am gleichen Abend hatten wir eine in dieser Angelegenheit bedeutsamen Begegnung. Beim Abendessen erzählten wir den Leuten im Restaurant von unseren Wanderplänen und das wir noch einen Guide suchen würden. Daraufhin wurde diskutiert, telefoniert und Nachrichten verschickt mit dem überraschenden Ergebnis, dass ein Guide am kommenden Morgen zu uns ins Hotel kommen würde. Zufrieden und glücklich, so schnell und unkompliziert eine passende Person für unser Vorhaben gewonnen zu haben, folgten wir der Einladung der hilfsbereiten Leute in eine kleine Kneipe um unseren Erfolg mit Araki (Schnaps aus Getreide) zu feiern.

Während wir fröhlich mit Gesellschaft plauderten, wurden wir einer Person vorgestellt, deren Wichtigkeit uns zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war, darf ich vorstellen: John, der Vorsitzende der Tourismus- und Kulturbehörde von Ankober! John besaß nicht nur die Größe, sich von uns auf ein paar Drinks einladen zu lassen, er hatte auch die Voraussicht uns zu fragen, was wir denn so in den kommenden Tagen in Ankober vor hätten. Ein geschickter Schachzug, denn so erfuhr John schon frühzeitig am Abend unserer Ankunft von unseren Wanderplänen und konnte entsprechende Vorkehrungen treffen. Vorkehrungen, von denen wir völlig Ahnungslos blieben.

Das vorausschauende Handeln Johns sollte sich uns erst am darauf folgenden Morgen offenbaren. Nach stundenlangen Verhandlungen mit unserem vermeintlichen Guide am Hotel, konnten wir mit Hilfe einer stattlichen Beratungsgebühr endlich eine Person auftreiben, die tatsächlich unseren Ansprüchen entgegenkam. Als wird dann mit unseren Rucksäcken gepackt und gesattelt auf der Straße die ersten Schritte in Richtung Wanderung unternehmen wollten, traf das Unvorhergesehe und dennoch Unvermeidliche ein: unser neuer Guide Birhanu teilte uns auf gebrochenem Englisch und mit einem todernsten Gesichtsdruck mit, dass wir ohne die schriftliche Genehmigung von John nirgendwo hingehen durften. Der sogenannte „Letter“ sollte unseren Schutz garantieren und bei den mit Kalashnikows bewaffneten Mitmenschen auf unserer Wanderroute, jeden Zweifel ausräumen, dass es sich bei uns um ausländische Geheimagenten handeln könnte. Diese Ansage hielten wir zunächst für einen schlechten Scherz und versuchten Birhanu davon zu überzeugen ohne den „Letter“ mit uns zu kommen.

Doch kein Wort half, es musste Johns vertrauenswürdiges Wort her. Na gut dachten wir uns, dann rufen wir ihn schnell an und holen uns den „Letter“. Doch da hatten wir John unterschätzt: in Vorbereitung auf den Moment unserer vollkommenen Abhängigkeit von seiner Güte, hatte John sein Büro geschlossen, das Handy abgeschaltet und die Stadt verlassen. Er ließ uns völlig fassungslos und wütend darüber zurück wie unglaublich bürokratisch und lähmend Äthiopien doch manchmal sein kann und wir waren negativ beeindruckt wie John es geschafft hatte, all diese umfassenden Vorbereitungen als Reaktion auf unsere Erzählungen des Vorabends zu planen und durchzuführen.

Auch die Tage danach versuchten wir auf unterschiedlichen Wegen an den „Letter“ zu kommen, aber John war uns immer einen Schritt voraus. Wir hatten keine Chance ihn auf seinem eigenen Feld der Verunmöglichung touristischer Aktivitäten durch bürokratische Zettelei zu schlagen. Rückblickend denke ich, wäre es eventuell sogar weniger aufwendig gewesen, uns einfach den verdammten „Letter“ zu geben, als uns tagelang hinzuhalten und unzählige Leute zu involvieren – aber das wäre vermutlich einfach zu einfach gewesen.

Stattdessen haben wir ohne Guide und ohne Schutzbrief auf eigene Faust einige Tagestouren unternommen. Diese waren zugegebenermaßen auch äußerst befriedigend und endeten fast jeden Abend im ehemaligen, mittlerweile sogar nur noch als Nachbau existierenden Königspalast von Menelik. Den historischen Wert des Palastes in Ehren, waren es zugegebenermaßen vielmehr der hervorragende Honigwein Tej, gepaart mit einer phänomenalen Aussicht in königlicher Atmosphäre, die uns nicht mehr aus ihrem Bann ließen.

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Meneliks Palast

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Meneliks Aussicht

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Meneliks Honigwein – super lecker!

Dafür ein Santé – auf die Herrlichkeit der Bienen und das Ende einer Bürokratie ohne Scham, Verstand oder Nutzen!

Slideshow mit allen Bildern von der Wanderung:
Beackerte Berge, berüchtigte Bürokraten

Kapitel III
Urbane Kneipengesellschaft

Die Kapitelüberschrift könnte ohne Zweifel vermuten lassen, dass es mit den plakativen Trinksprüchen unvermittelt weitergeht. Doch lasst mich eure dunklen Vorahnung verstreuen und seid beruhigt, während ihr mit mir in eine weitere Geschichte voller persönlicher Tiefe und Schwere flogt. Der Ort dieser Geschichte ist eine ganz gewöhnliche, leicht schäbige Kneipe in Addis, unter der gütigen Führung eines jungen Mannes mit einer wirklich außergewöhnlichen Frisur, in der die Menschen friedlich zusammenkommen, um Alkohol zu trinken und aus ihrem Leben zu berichten – zumindest bis sie zu betrunken sind, um diesen Frieden zu wahren.

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Chillen in Hauis Bar – Mensch achte auch auf die beeindruckende Frisur!

Der Mensch im Mittelpunkt dieser Geschichte ist Hagos. Als ich das erste Mal Hagos im Gewusel der Willkommensgrüße sah, war er mir sofort sympathisch aufgefallen. Seine Erscheinung war kahlköpfig, überdurchschnittlich groß und kräftig für äthiopische Verhältnisse, dazu trug er eine gut sitzenden dunkle Jeans, ansprechende Lederschuhe, die es schafften, auszusehen wie elegante Wanderschuhe und ein schlichtes grünes Poloshirt. Dieses für äthiopische Verhältnisse schlichte Äußeres wurde nur noch von zwei herausragenden Eigenschaften an Hagos übertroffen: seine Tasche und sein Blick. Die Tasche war wie die Schuhe, ebenfalls aus Leder und wirkte wie aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, als Studierende noch mit Lederranzen zur Uni gingen. Ich hatte sofort das Bild vor Augen wie Hagos auf einem Unicampus stand und sich unterhielt, wichtige und unwichtige Gesprächsthemen austauschte und dann direkt herüber ging in unsere Bar. Nur war Hagos nicht aus dieser Idylle meiner Gedanken in die urbane Kneipengesellschaft getreten. Dies ließ sich unmittelbar an dem zweiten herausragenden Eindruck von ihm festmachen – seinem betrübten Blick. Ja seine ganze Körperhaltung erschien ihm irgendwie unangemessen kraft- und mutlos. Eine Mischung, die mein Interesse weckte und nach ein paar Fragen und Getränken kam Hagos in Erzählstimmung.

Er hatte tatsächlich studiert, als Arzt der Humanmedizin wollte er Gutes tun, in die Welt hinausziehen, um Menschen zu helfen. So entschied er sich nach seiner Ausbildung dorthin zu gehen, wo Ärzte am dringendsten benötigt werden: in die humanitären Krisengebiete dieses Kontinents. Das Leid, die Hilflosigkeit und der Tod, welche ihm in diesen Gegenden begegneten, waren eine einschneidende und tief prägende Erfahrung. Eine Erfahrung, die ihn mit seiner eigenen Ohnmacht konfrontierte und mit der Frage, was da noch ein Einzelner bewirken kann. Aus dieser anfänglichen Hoffnungslosigkeit schaffte er es dennoch, einen Weg hinauszufinden, als er begann seine eigene Wirkmächtigkeit in ein Verhältnis zum überhaupt Möglichen zu setzen. Hinzu kam ein soziales Umfeld, das sich äußerst dankbar und solidarisch verhielt. Es waren also vor allem der Glaube an sich selbst und der Blick auf das unmittelbar vor ihm liegende, gepaart mit einem notleidenden Umfeld, das geprägt war von einer Menschlichkeit und Solidarität, die es ihm ermöglichten, unter für mich unvorstellbaren Bedingungen zu arbeiten und helfen.

Während Hagos mir seine Geschichte erzählte, konnte ich beobachten wie seine Augen anfingen wieder zu leuchten, der betrübte und dumpfe Ausdruck darin war verschwunden und sein Körper begann wieder Spannung und Kraft auszustrahlen. Eine Verwandlung, die wiederum mein Interesse schürte und so begann ich ihn nach seiner aktuellen Situation zu fragen und was geschehen sei, das er nun so niedergeschlagen in einer Bar in Addis sitzt? Da begann Hagos erstmal zu lachen – solch persönliche und direkte Fragen sind in Äthiopien äußert ungewöhnlich. Glücklicherweise fasste er meine Frage nicht als übergriffig auf und antwortete, dass er nach einiger Zeit an die Grenze der eigenen Entwicklung gestoßen sei und nun versuche, im Ausland als Arzt Erfahrung zu sammeln. Am liebsten würde er eines Tages für die Organisation Ärzte ohne Grenzen arbeiten (eine wirklich faszinierende Organisation – da lohnt sich mal der Blick auf Wikipedia). Leider sei er momentan in Addis mehr oder weniger gestrandet, um sich für sein Unterfangen mit der übermächtig wirkenden bürokratischen Hydra anzulegen. Das sei sehr frustrierend und es bedrücke ihn, sinnhaftes Tun gegen ungewisses Warten eingetauscht zu haben. Die Erinnerung an seine aktive Zeit sei momentan Hoffnung und schweres Erbe zugleich. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen und wünschte ihm viel Kraft und Geduld im Umgang mit den Behörden.

Darauf ein letztes Cheers – auf die heftige Turmfrisur von Hauie und den unermüdlichen und unersetzlichen Einsatz von Hagos!

Slideshow mit noch ein paar Kneipenfotos:
Urbane Kneipengesellschaft

Ich habe übrigens in dieser Geschichte ganz bewusst auf eine Ortsangabe verzichtet. Die Ideen die wir über Orte entwickeln an denen wir selbst noch nie waren, sind fast vollständig auf Medien und Sprache aufgebaut. Ich habe keine Lust, ein negatives Bild eines Ortes zu zeichnen an dem ich selbst noch nie war, den ich nicht mit meiner eigenen Erfahrung differenziert betrachten kann und dann auch noch dazu beizutrage, in einem vorurteilserzeugenden Licht darzustellen. Es gibt zahlreiche Orte in Äthiopien, Europa und der Welt, in denen grimme Armut herrscht. Was es bedeutet, an solchen Orten langfristig zu leben und zu arbeiten, will ich mir nicht anmaßen darstellen zu können, das könnten die Bewohner*innen viel besser selbst.

So far … away!