Taumelnde Taumelei.

Alles bewegt sich. Fortwährender Taumel.

Der erste körperliche Eindruck an Board stellte sich unmittelbar mit dem Versuch ein einen Fuss auf Salty zu bekommen: Alles bewegt sich. Immer. Jederzeit. Die Wellen, der Wind, die Gezeiten, sie alle sorgen dafür das Salty mal mehr, mal weniger durchs Wasser taumelt. Es gibt eine Vielzahl an Bewegungen die je nach Seegang kombiniert werden. Das rollende Hin und Her, das stampfende Auf und Ab und das fahrstuhlaetige Hoch und Runter.

Diese Taumelei hat für das Leben auf einem Boot so einige Konsequenzen. Zunächst ist es für mich als angehender Mitsegler eine Herausforderung für mein Gleichgewicht. Sowohl im Inneren des Bootes auf dem Weg in die Küche etwa, oder auf dem Deck wenn ein Segel vorbereitet werden muss. Ein unsicherer Tritt im Inneren hat noch überschaubare Konsequenzen. Nachdem ich mir ein paar mal den Kopf an verschiedenen Stellen abgehauen hab funktioniert mein Muskelgedächtnis sehr gut. Auf dem Deck hat ein Fehltritt allerdings schnell zur Folge über Board zu gehen. Die an Board verbleibenden stehen dann vor der Aufgabe die schwimmende Person aus dem Wasser zu fischen. Bei ruhigem Wetter ein lösbares Problem. Bei Sturm eine fast unmögliche Herausforderung. Um erst gar nicht in diese missliche Lage zu kommen verlassen wir uns natürlich nicht nur auf unser Gleichgewicht. Wir haben auch Sicherungsleinen mit denen wir uns bei unruhiger See nach draußen trauen können.
Was noch für mich zu einer schwer abzuschätzenden Belastung werden könnte ist in diesem Karussell ne gute Mütze voll Schlaf zu bekommen. Ich setzte darauf das die Erschöpfung nach den ersten Nächten so tief ist, dass es mich nicht davon abhalten wird tief und fest zu schlummern.

Und auch dem Boot ist anzusehen das es auch ein Leben in Bewegung gut vorbereitet ist. Sämtliche Gegenstände lassen sich in den kleinen, wohldurchdachten Innenräumen entweder anbinden, anklippen oder in einer der unzähligen Schubladen, versteckten Klappen oder herausnehmbaren Bodenbretter verstauen. Salty bringt insgesamt 9 Tonnen auf die Waage bei einer Länge von ungefähr 10 Metern. Oft beschlich mich das Gefühl ein substantieller Teil dieses Gewichts rührt von den bis unter das Deck gestapelten Sachen die wir auf dem Atlantik dabei haben würden. Zu den Highlights gehört neben einer kleinen Bibliothek, auch ein Didgeridoo und jede Menge Schnorchel Ausrüstung. Es wird uns also nicht langweilig werden!

Viel viel zu lernen.

Die Segelei ist wirklich eine eigene Welt. Sie hat ihre eigene Sprache, viele Begriffe sind mir völlig neu und werden zum Teil auch aus verschiedenen Sprachen gemischt. Es gibt Namen für Taue, Stahlseile, Knoten, Wetterphänomene (Bjørn & Marieke nennen viel Wind ein „Hähnchen“), Windverhältnisse, Manöver und vieles mehr. Zudem folgt die Segelei auch ihrer eigenen, dem Wetter folgenden Logik und Zeitvorstellungen. Du wirst nie sagen kommen wann du wo sein wirst. Du kannst mit Sicherheit bestimmen das du eintriffst, aber der Zeitpunkt ist ein Rätsel das mit Blick in die Zukunft unlösbar bleibt.
Angefangen beim Boot selbst. Und auch der Alltag auf dem Boot ist geprägt vom Finden kreativer Lösungen für Probleme (wie bekommen wir die Toilette wieder zum laufen?!) und dem Lernen jederzeit bereit zu sein für ein Segelmanöver aufzuspringen.
Und nicht zuletzt bleibt da noch die Kunst des Segelns selbst. Das Boot im richtigen Winkel zum Boot zu halten, die Segel auszurichten und zu spannen und natürlich die Richtung beizubehalten. Das ist in der Theorie ganz gut zu verstehen allerdings in der Praxis gar nicht so leicht zu lernen. Da braucht es einiges an Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Die großen kleinen Dinge.

Zu den kleinen Dingen die ein wenig Abwechslung in unseren Vorbereitungsmarathon gebracht zählen unser Ausflug auf den Vulkan Teide und die Ruderchallenge.
Der Vulkan ist eine aus den Elementen gewordene Landschaft. Erkaltete Lava, welche durch die Erosion von Wind, Wasser und Frost Statuen und Denkmäler mit einer Gewalt herausgearbeitet hat, die uns an Zeiten lange vor einem denkenden Lebewesen auf der Erde erinnert. Ein Spaziergang durch diesen einzigartigen Ort offenbarte das er auch zum spielen einlädt, überall ließen sich Kletterhaken finden! Hätte ich meine Ausrüstung dabei gehabt wäre ich nicht so schnell von diesem Vulkan herunter zu bekommen gewesen.
Die Ruderchallenge hingegen hatte vor allem eine beeindruckende Wirkung auf unsere Fantasie. Sie begann in dem Hafen in dem Salty liegt und war für eine Gruppe von Menschen der Anfang in eine unvorstellbare Anstrengung. Sie hatten sich vorgenommen über den Atlantik zu segeln. Manche zu viert. Andere allein. Da niemand von uns wusste wie es sich wohl anfühlt in meterhohen Wellen in einem Ruderboot über den Atlantik zu treiben, begannen die wildestesten Spekulationen. Unserer Vorstellungskraft war keine Grenzen gesetzt was es wohl an emotionaler, psychischer und nicht zuletzt körperlicher Ausdauer bedarf um eine solche Ausgeliefertheit unbeschadet zu überstehen.

Die Vorbereitung. Unser Motto lautete: Bunker was du kannst, reparieren was du hast! Essen, Trinken, Diesel, Schrauben, Podcasts, Toilettenpapier, Sonnenbrillen, Medikamente, Minuten fürs Satellitentelefon und jede Menge Gelassenheit. Dazu das werkeln an Deck, unterm Deck, in Tanks und auf dem Mast. Ich glaube wir sind auf alles gefasst und zu guter letzt hat Marieke für die Abfahrt morgen Lasagne gebacken.

Da bleibt uns nur noch die Gewissheit ins Gedächtnis zu rufen das wir auf dem Atlantik immer eine Hand breit Wasser unter dem Kiel haben werden.

So far … away!











































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