Merlin's Reiseblog http://merlinmanna.blogsport.de Sun, 15 Dec 2019 22:46:32 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Taumelnde Taumelei. http://merlinmanna.blogsport.de/2019/12/16/taumelnde-taumelei/ http://merlinmanna.blogsport.de/2019/12/16/taumelnde-taumelei/#comments Sun, 15 Dec 2019 22:40:41 +0000 Administrator Alle http://merlinmanna.blogsport.de/2019/12/16/taumelnde-taumelei/ Alles bewegt sich. Fortwährender Taumel.

Der erste körperliche Eindruck an Board stellte sich unmittelbar mit dem Versuch ein einen Fuss auf Salty zu bekommen: Alles bewegt sich. Immer. Jederzeit. Die Wellen, der Wind, die Gezeiten, sie alle sorgen dafür das Salty mal mehr, mal weniger durchs Wasser taumelt. Es gibt eine Vielzahl an Bewegungen die je nach Seegang kombiniert werden. Das rollende Hin und Her, das stampfende Auf und Ab und das fahrstuhlaetige Hoch und Runter.

Diese Taumelei hat für das Leben auf einem Boot so einige Konsequenzen. Zunächst ist es für mich als angehender Mitsegler eine Herausforderung für mein Gleichgewicht. Sowohl im Inneren des Bootes auf dem Weg in die Küche etwa, oder auf dem Deck wenn ein Segel vorbereitet werden muss. Ein unsicherer Tritt im Inneren hat noch überschaubare Konsequenzen. Nachdem ich mir ein paar mal den Kopf an verschiedenen Stellen abgehauen hab funktioniert mein Muskelgedächtnis sehr gut. Auf dem Deck hat ein Fehltritt allerdings schnell zur Folge über Board zu gehen. Die an Board verbleibenden stehen dann vor der Aufgabe die schwimmende Person aus dem Wasser zu fischen. Bei ruhigem Wetter ein lösbares Problem. Bei Sturm eine fast unmögliche Herausforderung. Um erst gar nicht in diese missliche Lage zu kommen verlassen wir uns natürlich nicht nur auf unser Gleichgewicht. Wir haben auch Sicherungsleinen mit denen wir uns bei unruhiger See nach draußen trauen können.
Was noch für mich zu einer schwer abzuschätzenden Belastung werden könnte ist in diesem Karussell ne gute Mütze voll Schlaf zu bekommen. Ich setzte darauf das die Erschöpfung nach den ersten Nächten so tief ist, dass es mich nicht davon abhalten wird tief und fest zu schlummern.

Und auch dem Boot ist anzusehen das es auch ein Leben in Bewegung gut vorbereitet ist. Sämtliche Gegenstände lassen sich in den kleinen, wohldurchdachten Innenräumen entweder anbinden, anklippen oder in einer der unzähligen Schubladen, versteckten Klappen oder herausnehmbaren Bodenbretter verstauen. Salty bringt insgesamt 9 Tonnen auf die Waage bei einer Länge von ungefähr 10 Metern. Oft beschlich mich das Gefühl ein substantieller Teil dieses Gewichts rührt von den bis unter das Deck gestapelten Sachen die wir auf dem Atlantik dabei haben würden. Zu den Highlights gehört neben einer kleinen Bibliothek, auch ein Didgeridoo und jede Menge Schnorchel Ausrüstung. Es wird uns also nicht langweilig werden!

Viel viel zu lernen.

Die Segelei ist wirklich eine eigene Welt. Sie hat ihre eigene Sprache, viele Begriffe sind mir völlig neu und werden zum Teil auch aus verschiedenen Sprachen gemischt. Es gibt Namen für Taue, Stahlseile, Knoten, Wetterphänomene (Bjørn & Marieke nennen viel Wind ein „Hähnchen“), Windverhältnisse, Manöver und vieles mehr. Zudem folgt die Segelei auch ihrer eigenen, dem Wetter folgenden Logik und Zeitvorstellungen. Du wirst nie sagen kommen wann du wo sein wirst. Du kannst mit Sicherheit bestimmen das du eintriffst, aber der Zeitpunkt ist ein Rätsel das mit Blick in die Zukunft unlösbar bleibt.
Angefangen beim Boot selbst. Und auch der Alltag auf dem Boot ist geprägt vom Finden kreativer Lösungen für Probleme (wie bekommen wir die Toilette wieder zum laufen?!) und dem Lernen jederzeit bereit zu sein für ein Segelmanöver aufzuspringen.
Und nicht zuletzt bleibt da noch die Kunst des Segelns selbst. Das Boot im richtigen Winkel zum Boot zu halten, die Segel auszurichten und zu spannen und natürlich die Richtung beizubehalten. Das ist in der Theorie ganz gut zu verstehen allerdings in der Praxis gar nicht so leicht zu lernen. Da braucht es einiges an Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Die großen kleinen Dinge.

Zu den kleinen Dingen die ein wenig Abwechslung in unseren Vorbereitungsmarathon gebracht zählen unser Ausflug auf den Vulkan Teide und die Ruderchallenge.
Der Vulkan ist eine aus den Elementen gewordene Landschaft. Erkaltete Lava, welche durch die Erosion von Wind, Wasser und Frost Statuen und Denkmäler mit einer Gewalt herausgearbeitet hat, die uns an Zeiten lange vor einem denkenden Lebewesen auf der Erde erinnert. Ein Spaziergang durch diesen einzigartigen Ort offenbarte das er auch zum spielen einlädt, überall ließen sich Kletterhaken finden! Hätte ich meine Ausrüstung dabei gehabt wäre ich nicht so schnell von diesem Vulkan herunter zu bekommen gewesen.
Die Ruderchallenge hingegen hatte vor allem eine beeindruckende Wirkung auf unsere Fantasie. Sie begann in dem Hafen in dem Salty liegt und war für eine Gruppe von Menschen der Anfang in eine unvorstellbare Anstrengung. Sie hatten sich vorgenommen über den Atlantik zu segeln. Manche zu viert. Andere allein. Da niemand von uns wusste wie es sich wohl anfühlt in meterhohen Wellen in einem Ruderboot über den Atlantik zu treiben, begannen die wildestesten Spekulationen. Unserer Vorstellungskraft war keine Grenzen gesetzt was es wohl an emotionaler, psychischer und nicht zuletzt körperlicher Ausdauer bedarf um eine solche Ausgeliefertheit unbeschadet zu überstehen.

Die Vorbereitung. Unser Motto lautete: Bunker was du kannst, reparieren was du hast! Essen, Trinken, Diesel, Schrauben, Podcasts, Toilettenpapier, Sonnenbrillen, Medikamente, Minuten fürs Satellitentelefon und jede Menge Gelassenheit. Dazu das werkeln an Deck, unterm Deck, in Tanks und auf dem Mast. Ich glaube wir sind auf alles gefasst und zu guter letzt hat Marieke für die Abfahrt morgen Lasagne gebacken.

Da bleibt uns nur noch die Gewissheit ins Gedächtnis zu rufen das wir auf dem Atlantik immer eine Hand breit Wasser unter dem Kiel haben werden.

So far … away!










































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Salty in Sicht. http://merlinmanna.blogsport.de/2019/12/15/salty-in-sicht/ http://merlinmanna.blogsport.de/2019/12/15/salty-in-sicht/#comments Sun, 15 Dec 2019 18:38:41 +0000 Administrator Alle http://merlinmanna.blogsport.de/2019/12/15/salty-in-sicht/ Der erste Moment in dem ich Salty ausmachen konnte war der Beginn einer den ganzen Tag anhaltenden Euphorie.

Zuvor war ich mit meinem Rucksack von Hamburg nach Las Palmas geflogen, eine Nacht im Flughafen verbracht und mit der ersten Gelegenheit nach Teneriffa mit der Fähre übergesetzt. Im Süden der Insel angekommen waren es nur ein paar Meter zu Fuss raus aus dem Touri-Dorf, mit seinen zahlreichen Rentnern, und rein in die heiße, baumlose Vulkanlandschaft. Auf Teneriffa ist einer der größten Vulkane der Erde zu finden (7500m vom Seeboden, 3700m vom Meeresspiegel). Richtigerweise ist also nicht der Vulkan auf Teneriffa, Teneriffa ist der Vulkan. Und da es hier auch nicht besonders viel regnet (34 Regentage, Hamburg hat 133), wächst auch nicht viel. Dafür schien die Sonne prächtig und machte das Schleppen des Rucksacks zu einer eher mühseligen Angelegenheit. Bis ich Salty zu sehen kam. Von dem Moment an war es eine reine Freude die 30m hohen Klippen hinunterzukraxeln um endlich mit dem lange ersehnten Boot auf Augenhöhe zu stehen.

Tatsächlich wurde dieser Moment schon lange geplant. Vor etwa 15 Jahren lernte ich Bjørn kennen und schon damals war klar: nach der Bootsbauerlehre kommt das eigene Boot um die Weltenmeere zu bereisen. Schon vor Jahren ist dieser Traum auch auf Marieke übergesprungen. Die vergangen 5 Jahre verbrachten sie in Norwegen damit Geld zu sparen, Salty zu finden und habhaft zu werden, sie als segelndes Gefährt kennenzulernen, auszubauen, wohnlich zu machen. Mittlerweile ist es für die beiden schon seit 3 Jahren ein Zuhause. Statt Miete zu zahlen müssen sie jetzt lediglich hin und wieder Hafengeld abdrücken.

Und wie das mit lange geplanten Momenten so ist, wenn sie endlich eintreten fühlt sich das einfach großartig an! Dabei freute ich mich nicht nur darüber die Gelegenheit zu haben mit Bjørn & Marieke gemeinsam das Abenteuer Atlantiküberquerung zu erleben. Es war auch die Freude zu sehen wie die beiden ihren Lebenstraum verwirklichen. Wie sie so lange und zielstrebig darauf hingearbeitet haben und trotz aller Widerstände und Umstände zum Trotz sich die Möglichkeit schufen heute mit einem Segelboot um die Welt zu reisen. Das ist für mich beeindruckend und zugleich sehr nah und als Idee überhaupt nicht abwegig. Wie eine logische Konsequenz der Traumerfüllung. Schließlich wussten wir schon vor 15 Jahren das dieser Tag kommen würde.

Dementsprechend groß und aufgeregt war der Freudentanz den wir aufführten. Die Ausgelassenheit und irrwitzigen Jubelrufe haben bestimmt sogar einen bleibenden Eindruck bei den am Strand wohnenden Hippies hinterlassen.
Nachdem wir uns wieder ein wenig mehr Luft in den Lungen erlaubten, hievten wir meinen Kram auf das kleine Beiboot und ruderten über zu Salty wo der Willkommensjubel mit Marieke nochmal in kleinerem Maßstab wiederholt wurde.

Und nun war es soweit. Die Crew für die Atlantiküberquerung ist komplett. Ich bin als Smutje (Koch & Lagerist fürs Essen) an Board gekommen, wobei Marieke das Boot mit seinen hundert Klappen und Luken, viel besser kennt als ich. Deshalb teilen wir uns den Job. Bjørn ist unser Skipper und Bootsbauer. Und gebaut werden würde in den kommenden Tagen jede Menge.








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Drei kleine Geschichten aus Äthiopien http://merlinmanna.blogsport.de/2018/06/11/drei-kleine-geschichten-aus-aethiopien/ http://merlinmanna.blogsport.de/2018/06/11/drei-kleine-geschichten-aus-aethiopien/#comments Mon, 11 Jun 2018 18:06:37 +0000 Administrator 40 - Juni '18 http://merlinmanna.blogsport.de/2018/06/11/drei-kleine-geschichten-aus-aethiopien/ An den Wochenenden ist es uns ein unglaublich wichtiges Vergnügen Addis zu verlassen. Den bleiernen Smog und die ununterbrochene Hektik hinter sich zu lassen, um die angenehmen Seiten des Landes zu genießen, sind für uns immer dringend notwendige und sehnsüchtig erwartete Ausflüge. Dabei wiederfahren uns natürlich auch immer wieder aufregende und interessante Momente. So sind wir in unserer ersten Geschichte in einem wundervoll sanften Bergwald unterwegs, während wir tiefe Einblicke in dunklen Aspekte der äthiopischen Sexualität geschildert bekommen. In der zweiten Geschichte befinden wir uns in einer tausend Jahre alten Terrassenlandschaft, in der das wichtigste Nahrungsmittel Äthiopiens angebaut wird: Teff. Neben der beeindruckenden Anbaumethode erfahren wir hier auch einprägsame Momente der äthiopischen Tourismusförderung. Die dritte Geschichte spielt sich in Addis ab und erzählt von einen ganz normalen Fall vielfältiger Biographien und dem Wahnsinn unseres Feierabends.

Simon & Merlin
Also, hereinspaziert und mitgemacht! Nur ein kleiner Schluck aus dieser Flasche lässt die wildesten Fantasien wahr werden!

Kapitel I
Sanfter Wald, starker Wille

Am Wochenende früh aufstehen – nicht etwas, das ich gerne freiwillig tun würde. Es sei denn, dadurch ermöglicht sich die Gelegenheit, die urbane Unterwelt von Addis zu verlassen. Die Hoffnung auf grüne Landschaften, saubere Luft und erholsame Ruhe treibt uns fast jedes Wochenende aus der Metropole in die Wälder und Berge. Dieses Mal ist es ein richtiger Gruppenausflug – ein Haufen Praktis und ihre Freund*innen haben einen Bus organisiert, mit dem wir ganz entspannt direkt in den ältesten Nationalpark des Landes fahren: Menagesha Suba.

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Erste Schritte im Wald mit der ganzen Horde

Der sehr bergige Wald mit tief eingeschnittenen Tälern und ehrwürdig alten Bäumen überraschte mich vor allem durch seine Gemütlichkeit und Zahmheit. Alles ließ sich problemlos anfassen – nichts ist giftig oder stachelig, du konntest überall herumlaufen – das Unterholz war zwar üppig, aber nicht so dicht, dass es eine undurchdringliche Wand wäre und die Luft und Ruhe erinnerte an einen Rückzugsort für meditierende Einsiedler*innen. Dazu kam die erholsame, ausgleichende, wenn auch anstrengende Bewegung, denn den ganzen Tag in einem Bürostuhl zu verbringen ist irgendwie auch ne Form von Selbstgeißelung.

Nur die Gruppe ging uns schnell auf die Nerven und so machten wir uns – Simon, Talaga und ich – schon bei der erst besten Gelegenheit auf zu eigenen Abenteuern und streunten zu dritt durch den Wald. Auf unseren Wegen bekamen wir jede Menge schwarz-weißer Collubus Affen zu sehen und tauschten unsere Lebensgeschichten aus.

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Der Ort an dem sich unsere Wege trennten …

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Die Collubus Affen sind wirklich sehr schwer zu fotografieren und sehr gut im verstecken

Die Gespräche aus Talagas Leben sind mir dabei besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben. Ihre Biographie ist geprägt von einer sehr frauenfeindlichen Umgebung in der sie aufwuchs und häuslicher Gewalt in ihrer Ehe. Sie erzählte uns von dem vielen Elend das viele Frauen erleben müssen, so ist die Genitalbeschneidung der Frau nach wie vor gängige Praxis. 74 % aller Frauen sind beschnitten. Das Patriachat hat in Äthiopien eine völlig andere – für mich nur schwer begreifbare – Dimension als in D-Land. Mehr Zahlen und noch mehr Eindrücke gibts hier: Terre des Femmes.

Talaga erzählte uns weiterhin wie im Denken der Befürwortenden von derartigen Beschneidung auch ein Besitzanspruch durchgesetzt wird. Eine beschnittene Frau geht nicht fremd, sie hat keine eigene Libido, die sie dazu antreiben würde. Zudem müsse sich so der Ehemann beim Sex nicht mehr um die Befriedigung der Frau kümmern. Glücklicherweise konnte sie selbst diesem Schicksal entgehen, indem sie sich gegen diese Praxis auflehnte und bei ihren Großeltern versteckte. Auch ließ sie sich von ihrem Ehemann scheiden, nachdem sie die Schnauzte voll hatte. Stattdessen arbeitete sie in Einrichtungen gegen häusliche Gewalt und half anderen Frauen sich gegen die Scheiße unter dem Deckmantel der Ehe zur Wehr zu setzen.

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The one and only – Lebenslust und Freiheitsdrang in Person

Zurück zum Wald, schlagen wir unsere eigenen Wege durch das Unterholz. Dabei stoßen wir auch immer wieder auf kleine Tierpfade und größere Wege, die wir bei Bedarf wieder verlassen um unsere Richtung beizubehalten. Dank des GPS von Simon kommen wir dann auch pünktlich 2 Minuten vor der vereinbarten Zeit wieder bei der Gruppe an. Genug Zeit für ein Gruppenbild und einen letzten kleinen Zwischenstopp bei der Meta-Brauerei.

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Und das sind noch nicht einmal alle Praktikanten der GIZ in Äthiopien!

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Das beste Bier Äthiopiens

Meta Bier ist eine Marke die aus der Zeit des Kommunismus in Äthiopien stammt und mir und Simon mit Abstand am besten schmeckt. Prost – auf die Emanzipation von jeder Unterdrückerscheiße und die unübertroffene Offenheit und tief beeindruckende Stärke von Talaga!

Slideshow mit mehr Bildern:
Sanfter Wald, starker Wille

Kapitel II
Beackerte Berge, berüchtigte Bürokraten

Unser nächster Ausflug führte uns ins äthiopische Hochland. Um den kleinen Ort Ankober ranken sich nicht nur Geschichten von heiligen Königen und epischen Schlachten, er ist auch wunderschön an dramatischen Berghängen gelegen. Diese führen hinauf auf ein Plateau von knapp 2600 m über dem Meeresspiegel. Besonders bewundernswert in dieser Gegend ist die Fähigkeit der Menschen, diese Berghänge durch Terrassierung für ihre Landwirtschaft nutzbar zu machen. Gerade in der momentan vorherrschenden kleinen Regenzeit sind die Felder unglaublich grün und saftig.

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Ankober und seine Kühe

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Eindrucksvoller Terrassenbau – vermutlich auch schon tausend Jahre alt

Doch sich an derlei fantastischer Landschaft in Äthiopien als ausländischer Touri erfreuen zu dürfen ist nicht immer leicht. Noch am gleichen Abend hatten wir eine in dieser Angelegenheit bedeutsamen Begegnung. Beim Abendessen erzählten wir den Leuten im Restaurant von unseren Wanderplänen und das wir noch einen Guide suchen würden. Daraufhin wurde diskutiert, telefoniert und Nachrichten verschickt mit dem überraschenden Ergebnis, dass ein Guide am kommenden Morgen zu uns ins Hotel kommen würde. Zufrieden und glücklich, so schnell und unkompliziert eine passende Person für unser Vorhaben gewonnen zu haben, folgten wir der Einladung der hilfsbereiten Leute in eine kleine Kneipe um unseren Erfolg mit Araki (Schnaps aus Getreide) zu feiern.

Während wir fröhlich mit Gesellschaft plauderten, wurden wir einer Person vorgestellt, deren Wichtigkeit uns zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war, darf ich vorstellen: John, der Vorsitzende der Tourismus- und Kulturbehörde von Ankober! John besaß nicht nur die Größe, sich von uns auf ein paar Drinks einladen zu lassen, er hatte auch die Voraussicht uns zu fragen, was wir denn so in den kommenden Tagen in Ankober vor hätten. Ein geschickter Schachzug, denn so erfuhr John schon frühzeitig am Abend unserer Ankunft von unseren Wanderplänen und konnte entsprechende Vorkehrungen treffen. Vorkehrungen, von denen wir völlig Ahnungslos blieben.

Das vorausschauende Handeln Johns sollte sich uns erst am darauf folgenden Morgen offenbaren. Nach stundenlangen Verhandlungen mit unserem vermeintlichen Guide am Hotel, konnten wir mit Hilfe einer stattlichen Beratungsgebühr endlich eine Person auftreiben, die tatsächlich unseren Ansprüchen entgegenkam. Als wird dann mit unseren Rucksäcken gepackt und gesattelt auf der Straße die ersten Schritte in Richtung Wanderung unternehmen wollten, traf das Unvorhergesehe und dennoch Unvermeidliche ein: unser neuer Guide Birhanu teilte uns auf gebrochenem Englisch und mit einem todernsten Gesichtsdruck mit, dass wir ohne die schriftliche Genehmigung von John nirgendwo hingehen durften. Der sogenannte „Letter“ sollte unseren Schutz garantieren und bei den mit Kalashnikows bewaffneten Mitmenschen auf unserer Wanderroute, jeden Zweifel ausräumen, dass es sich bei uns um ausländische Geheimagenten handeln könnte. Diese Ansage hielten wir zunächst für einen schlechten Scherz und versuchten Birhanu davon zu überzeugen ohne den „Letter“ mit uns zu kommen.

Doch kein Wort half, es musste Johns vertrauenswürdiges Wort her. Na gut dachten wir uns, dann rufen wir ihn schnell an und holen uns den „Letter“. Doch da hatten wir John unterschätzt: in Vorbereitung auf den Moment unserer vollkommenen Abhängigkeit von seiner Güte, hatte John sein Büro geschlossen, das Handy abgeschaltet und die Stadt verlassen. Er ließ uns völlig fassungslos und wütend darüber zurück wie unglaublich bürokratisch und lähmend Äthiopien doch manchmal sein kann und wir waren negativ beeindruckt wie John es geschafft hatte, all diese umfassenden Vorbereitungen als Reaktion auf unsere Erzählungen des Vorabends zu planen und durchzuführen.

Auch die Tage danach versuchten wir auf unterschiedlichen Wegen an den „Letter“ zu kommen, aber John war uns immer einen Schritt voraus. Wir hatten keine Chance ihn auf seinem eigenen Feld der Verunmöglichung touristischer Aktivitäten durch bürokratische Zettelei zu schlagen. Rückblickend denke ich, wäre es eventuell sogar weniger aufwendig gewesen, uns einfach den verdammten „Letter“ zu geben, als uns tagelang hinzuhalten und unzählige Leute zu involvieren – aber das wäre vermutlich einfach zu einfach gewesen.

Stattdessen haben wir ohne Guide und ohne Schutzbrief auf eigene Faust einige Tagestouren unternommen. Diese waren zugegebenermaßen auch äußerst befriedigend und endeten fast jeden Abend im ehemaligen, mittlerweile sogar nur noch als Nachbau existierenden Königspalast von Menelik. Den historischen Wert des Palastes in Ehren, waren es zugegebenermaßen vielmehr der hervorragende Honigwein Tej, gepaart mit einer phänomenalen Aussicht in königlicher Atmosphäre, die uns nicht mehr aus ihrem Bann ließen.

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Meneliks Palast

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Meneliks Aussicht

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Meneliks Honigwein – super lecker!

Dafür ein Santé – auf die Herrlichkeit der Bienen und das Ende einer Bürokratie ohne Scham, Verstand oder Nutzen!

Slideshow mit allen Bildern von der Wanderung:
Beackerte Berge, berüchtigte Bürokraten

Kapitel III
Urbane Kneipengesellschaft

Die Kapitelüberschrift könnte ohne Zweifel vermuten lassen, dass es mit den plakativen Trinksprüchen unvermittelt weitergeht. Doch lasst mich eure dunklen Vorahnung verstreuen und seid beruhigt, während ihr mit mir in eine weitere Geschichte voller persönlicher Tiefe und Schwere flogt. Der Ort dieser Geschichte ist eine ganz gewöhnliche, leicht schäbige Kneipe in Addis, unter der gütigen Führung eines jungen Mannes mit einer wirklich außergewöhnlichen Frisur, in der die Menschen friedlich zusammenkommen, um Alkohol zu trinken und aus ihrem Leben zu berichten – zumindest bis sie zu betrunken sind, um diesen Frieden zu wahren.

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Chillen in Hauis Bar – Mensch achte auch auf die beeindruckende Frisur!

Der Mensch im Mittelpunkt dieser Geschichte ist Hagos. Als ich das erste Mal Hagos im Gewusel der Willkommensgrüße sah, war er mir sofort sympathisch aufgefallen. Seine Erscheinung war kahlköpfig, überdurchschnittlich groß und kräftig für äthiopische Verhältnisse, dazu trug er eine gut sitzenden dunkle Jeans, ansprechende Lederschuhe, die es schafften, auszusehen wie elegante Wanderschuhe und ein schlichtes grünes Poloshirt. Dieses für äthiopische Verhältnisse schlichte Äußeres wurde nur noch von zwei herausragenden Eigenschaften an Hagos übertroffen: seine Tasche und sein Blick. Die Tasche war wie die Schuhe, ebenfalls aus Leder und wirkte wie aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, als Studierende noch mit Lederranzen zur Uni gingen. Ich hatte sofort das Bild vor Augen wie Hagos auf einem Unicampus stand und sich unterhielt, wichtige und unwichtige Gesprächsthemen austauschte und dann direkt herüber ging in unsere Bar. Nur war Hagos nicht aus dieser Idylle meiner Gedanken in die urbane Kneipengesellschaft getreten. Dies ließ sich unmittelbar an dem zweiten herausragenden Eindruck von ihm festmachen – seinem betrübten Blick. Ja seine ganze Körperhaltung erschien ihm irgendwie unangemessen kraft- und mutlos. Eine Mischung, die mein Interesse weckte und nach ein paar Fragen und Getränken kam Hagos in Erzählstimmung.

Er hatte tatsächlich studiert, als Arzt der Humanmedizin wollte er Gutes tun, in die Welt hinausziehen, um Menschen zu helfen. So entschied er sich nach seiner Ausbildung dorthin zu gehen, wo Ärzte am dringendsten benötigt werden: in die humanitären Krisengebiete dieses Kontinents. Das Leid, die Hilflosigkeit und der Tod, welche ihm in diesen Gegenden begegneten, waren eine einschneidende und tief prägende Erfahrung. Eine Erfahrung, die ihn mit seiner eigenen Ohnmacht konfrontierte und mit der Frage, was da noch ein Einzelner bewirken kann. Aus dieser anfänglichen Hoffnungslosigkeit schaffte er es dennoch, einen Weg hinauszufinden, als er begann seine eigene Wirkmächtigkeit in ein Verhältnis zum überhaupt Möglichen zu setzen. Hinzu kam ein soziales Umfeld, das sich äußerst dankbar und solidarisch verhielt. Es waren also vor allem der Glaube an sich selbst und der Blick auf das unmittelbar vor ihm liegende, gepaart mit einem notleidenden Umfeld, das geprägt war von einer Menschlichkeit und Solidarität, die es ihm ermöglichten, unter für mich unvorstellbaren Bedingungen zu arbeiten und helfen.

Während Hagos mir seine Geschichte erzählte, konnte ich beobachten wie seine Augen anfingen wieder zu leuchten, der betrübte und dumpfe Ausdruck darin war verschwunden und sein Körper begann wieder Spannung und Kraft auszustrahlen. Eine Verwandlung, die wiederum mein Interesse schürte und so begann ich ihn nach seiner aktuellen Situation zu fragen und was geschehen sei, das er nun so niedergeschlagen in einer Bar in Addis sitzt? Da begann Hagos erstmal zu lachen – solch persönliche und direkte Fragen sind in Äthiopien äußert ungewöhnlich. Glücklicherweise fasste er meine Frage nicht als übergriffig auf und antwortete, dass er nach einiger Zeit an die Grenze der eigenen Entwicklung gestoßen sei und nun versuche, im Ausland als Arzt Erfahrung zu sammeln. Am liebsten würde er eines Tages für die Organisation Ärzte ohne Grenzen arbeiten (eine wirklich faszinierende Organisation – da lohnt sich mal der Blick auf Wikipedia). Leider sei er momentan in Addis mehr oder weniger gestrandet, um sich für sein Unterfangen mit der übermächtig wirkenden bürokratischen Hydra anzulegen. Das sei sehr frustrierend und es bedrücke ihn, sinnhaftes Tun gegen ungewisses Warten eingetauscht zu haben. Die Erinnerung an seine aktive Zeit sei momentan Hoffnung und schweres Erbe zugleich. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen und wünschte ihm viel Kraft und Geduld im Umgang mit den Behörden.

Darauf ein letztes Cheers – auf die heftige Turmfrisur von Hauie und den unermüdlichen und unersetzlichen Einsatz von Hagos!

Slideshow mit noch ein paar Kneipenfotos:
Urbane Kneipengesellschaft

Ich habe übrigens in dieser Geschichte ganz bewusst auf eine Ortsangabe verzichtet. Die Ideen die wir über Orte entwickeln an denen wir selbst noch nie waren, sind fast vollständig auf Medien und Sprache aufgebaut. Ich habe keine Lust, ein negatives Bild eines Ortes zu zeichnen an dem ich selbst noch nie war, den ich nicht mit meiner eigenen Erfahrung differenziert betrachten kann und dann auch noch dazu beizutrage, in einem vorurteilserzeugenden Licht darzustellen. Es gibt zahlreiche Orte in Äthiopien, Europa und der Welt, in denen grimme Armut herrscht. Was es bedeutet, an solchen Orten langfristig zu leben und zu arbeiten, will ich mir nicht anmaßen darstellen zu können, das könnten die Bewohner*innen viel besser selbst.

So far … away!

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Alte Stadt, neues Büro http://merlinmanna.blogsport.de/2018/05/11/stadt-land-neues-buero/ http://merlinmanna.blogsport.de/2018/05/11/stadt-land-neues-buero/#comments Fri, 11 May 2018 14:56:48 +0000 Administrator 39 - Mai '18 http://merlinmanna.blogsport.de/2018/05/11/stadt-land-neues-buero/ Ungewohnte Vertrautheit und das vertraute Gefühl des Ungewohnten erwarteten mich in den ersten Stunden in Addis Abeba. Zum zweiten Mal betrete ich nun diese Stadt, erneut beschäftigt mich hier als erstes ein Auftrag, erneut bin ich aufgeregt. In den kommenden 4 Monaten erwarte ich viele neue Eindrücke und unbekannte, herausfordernde Situationen, nur sind diese jetzt oftmals in einer neuen Sphäre anzutreffen. Ein ganz neues soziales Gefüge sollte sich mir eröffnen, auf den ersten Blick mindestens genauso interessant und unübersichtlich wie Straßen und Menschen der Großstadt. Während mir die Busse, Minitaxis, Motoräder, LKW, riesen Stahlbetonbauskelete, breiten verstopften Schnellstraßen und schmalen versifften Seitenstraßen alle noch bestens bekannt und vertraut waren, so ist das GIZ Büro eine neue Welt für sich. Eine Welt mit ihren eigenen Regeln und sozialen Konventionen, die zu verstehen wohl für jeden den ersten Teil der Arbeit darstellt.

Doch Schritt für Schritt. Erst kam die Stadt dann das Büro. Addis ist eine Stadt wie keine andere (denn jede Stadt ist ja auch einzigartig) und doch gleichzeitig unglaublich generisch, einfallslos, grau, dreckig – ja schon toxisch. Sich durch Addis zu bewegen kann so ästhetisch aufreizend sein wie die grauen Anzüge der Banker in dem Viertel unseres Büros, zugleich ist es oft so siffig, abgerissen und unberechenbar wie die Klamotten und Seelenzustände des städtischen Prekariat. Die Lebenswelten der beiden genannten Gruppen, Banker und Bettler, liegen unglaublich weit auseinander und auch ich stehe mit meinen Privilegien auf der anderen Seite der Straße. Die unaussprechbare Ungerechtigkeit bekümmert hier meinem Erachten nach allerdings nur wenige. Eine Freundin die sich für Menschen auf der Straße einsetzt sagt, dass die Leute was tun sollen um an Geld zu kommen, wer gesund ist braucht nicht zu betteln. Das klingt für mich erstmal hart, viele dieser Menschen leben nicht auf der Straße und haben keine Arbeit weil sie faul sind oder unfähig, sondern weil ihnen die strukturellen Chancen für eine Teilhabe am (Stadt-)Leben von vornherein verwehrt werden. Bildung, Herkunft, Habitus, Geld, es ist das gleiche Spiel wie an vielen Orten auf der Welt auch – einmal Verlierer immer Verlierer … oder auch nicht. Denn eine andere Welt wäre durchaus möglich, das Interesse der herrschenden Klasse aber naturgemäß klein. Um doch was zu bewegen hat es in Äthiopien schon seit einer ganzen Weile immer wieder Aufstände und Proteste gegen die Regierung gegeben. Eine der neuesten Entwicklungen ist der Wechsel an der Spitze der Regierung: eine neuer Premier aus der zahlenmäßig größten Ethnie, den Oromos, soll das Land wieder zusammen bringen und durch Reformen grundsätzliches verändern. Ob das gelingt bezweifeln viele, denn alte Eliten geben selten freiwillig ihre Vorteile auf. Mehr Infos findet ihr hier: dw.com.

Natürlich gibt es auch schöne Geschichten aus Addis. Menschen die guten Herzens sind und gute Intentionen verfolgen gibt es hier genauso wie überall und das Gute manifestiert sich in kleinen Gesten und großen soziale Praktiken. Ein Beispiel welches ich erst heute wieder beobachtet habe, zeugt von einer Form der Solidarität die den Straßenkindern entgegengebracht wird. In Äthiopien ist die Leibspeise Injera, ein weiches, gesäuertes Fladenbrot aus Teffmehl, welches häufig in so großen Mengen serviert wird, dass die Leute es nicht aufessen können. Das übriggebliebene Essen wird dann entweder zu einer Mahlzeit für den Folgetag verarbeitet (sogenanntes Firfir) oder aber gesammelt und an die Straßenkinder verschenkt. In einem Land in dem es (fast) keine öffentlichen sozialen Sicherungssysteme gibt ist eine derartige praktische Solidarität häufig das Einzige worauf die Menschen in prekären Lebensumständen bauen können.

Photo from Merlin

Photo from Merlin(1)
Auf dem Weg zur Arbeit: beeindruckende Architektur á la Addis

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Auf dem Weg zur Arbeit: Schuhputzer

Nun gut, soviel zunächst zur Stadt, kommen wir zurück zur GIZ. Das soziale Gefüge der GIZ folgt zunächst einer scheinbar nachvollziehbaren Struktur auf dem Papier. Doch hier stecken auch schon die ersten Tücken im System, das Abbild ist weder auf dem neusten Stand, noch geht daraus so richtig hervor welche Person für was verantwortlich ist. Diese Frage beantwortet sich für mich nur durch Zeit und viel Fragerei. Die ersten Wochen drehen sich schnell um folgende fiktive Situation: Du willst dein Visum verlängern. Ein klarer Auftrag, doch zunächst musst du fünf Leute fragen bevor du glaubst alle notwendigen Informationen gesammelt zu haben. Ein Informationsbruchstück besagt das ein Dokument von der GIZ beantragt werden muss. Gefragt, getan stehst du ein paar Tage später mit dem Papier in der Hand da und bewunderst die schönen Buchstaben darauf – das Dokument ist in Amharisch. Die Sprache hat formschöne, verschnörkelte Zeichen und vermittelt das Gefühl einer alten, antiken Kultur. Leider ist es dir dadurch gänzlich unmöglich einen kleinen, aber entscheidenden Fehler auf dem Dokument zu entdecken. Es wurde nämlich gar nicht für dich ausgestellt und auch nicht von der GIZ, sondern von einer ganz anderen Behörde um dessen Existenz du bisher auch nicht wusstest. Und erst als du schon in der für Visa-Angelegenheiten zuständigen Behörde stundenlang mit einigen Beamten diskutiert hast, kommt raus, dass all deine Zeit ganz umsonst war – denn auf dem Dokument steht klipp und klar: „Die hochgeschätzte Frau*Mann deren Visa-Antrag wir bewilligen …“ (such dir unpassenderes aus). Der Überzeugung der vor dir sitzenden Beamten nach, warst damit eindeutig nicht du gemeint. Also – zurück ins Büro und dir einen neuen Zettel ausstellen lassen. Das wirft wiederum das Problem der Zuständigkeit auf: wer muss jetzt was tun, um ein neues Papier von wem zu bekommen? Erneut drei Leute überzeugt und Tage gewartet stehst du wieder in der Visa-Behörde und wieder durchläufst du stundenlang die bürokratischen Prozesse und hoffst, dass dieses Mal kein Fehler gefunden wird…

In Wirklichkeit war das alles noch viel komplizierter und zeigt mir vor allem eines: je größer die Struktur, egal wie hierarchisch diese aufgebaut und geführt wird, desto mehr Fehler passieren und desto länger werden die (Um)Wege um ans Ziel zu kommen. Und die GIZ ist schon eine riesige Struktur, wenn ein solcher Riese sich dann auch noch mit einem anderen Riesen vereinen muss um ein Visum zu zeugen werden häufig ein Haufen Probleme geboren.

Und nun genug von Strukturen, jetzt mal ein kleiner Einblick in unser täglich Brot im Büro. Unser erster Tag war erstmal unaufgeregt aufregend – also alle anderen waren unaufgeregt und ich gespannt was passieren würde. Die für uns zuständige Person war im Urlaub, also gab es zunächst wieder ein strukturelles Defizit, und wir bekamen als Ausgleich eine Einführung auf einem USB Stick. Nicht wie ich mir eine Begrüßung in einer völlig neuen Umgebung vorstellen würde … aber gut, werfen wir mal die Laptops an und klicken uns durch die Firmenphilosophie unseres neuen Arbeitgebers. Dabei wunderten wir uns wie viel wohl von den hohen Ansprüchen, die in vielfältiger Wortgewalt vor uns ausgebreitet wurden, tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Zugleich überlegten wir wie es wohl sein wird mit so vielen Vorgesetzten (mindestens drei) zu arbeiten und wieviel Freiheit wir wohl in der Gestaltung unserer Arbeit haben bekommen würden.

Wir wurden positiv überrascht. Nach ein paar Anfangsgesprächen bei denen unsere Aufgaben besprochen wurden, hatten wir bisher viel Freiraum für die Umsetzung. Doch was sind eigentliche unsere Aufgaben? Was machen wir überhaupt bei der GIZ?

Verkürzt gesagt sind wir in der Abteilung für Wälder gelandet. Das Programm in dem wir arbeiten sorgt sich um den Erhalt und die Wiederaufforstung von Nationalparks, den Verkauf von Waldprodukten wie Honig, die Planung und Durchführung von Baumplantagen, die Beratung zuständiger Behörden für Waldfragen, die Bearbeitung des Zusammenhangs von Biodiversität und Klimawandel und um die Ausbildung der Menschen innerhalb und außerhalb der GIZ, um das alles umsetzen zu können. Diese Liste ist ganz sicher unvollständig und ich bin auch noch gar nicht lange genug dabei um alles gesehen und gehört zu haben.

Wir sind mit unseren Aufgaben in der Ecke der Waldprodukte gelandet. Unser Ziel soll sein, den Myrrhe und Weihrauch-Sektor auf ökonomischer und ökologischer Ebene zu analysieren, um entsprechende Ressourcen für die lokale Bevölkerung nachhaltig nutzbarer zu machen. Simon soll vor allem einen Überblick über die Produktion und den Handel mit Myrrhe und Weihrauch in Äthiopien erstellen, die entsprechenden Wertschöpfungsketten analysieren, Probleme identifizieren und Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Erschwerend kommt hierbei hinzu, dass der Großteil des geerntet Baumharzes ohnehin illegal außer Landes gebracht wird.
Ich frage mich vor allem: Wo wächst Myrrhe und Weihrauch, unter welchen Bedingungen? In welchem Zustand sind die Wälder und wie haben sie sich verändert? Wie werden sie von den Menschen genutzt und wie lassen sich die Bäume in Zukunft nutzen, ohne ihren Bestand zu gefährden. Simon wird sich demnach an die Spur des Handels heften während ich den Bäumen nachstelle. Am Ende soll ein Bild von Myrrhe und Weihrauch für ganz Äthiopien entstehen.
Und auf Grundlage dieses Bildes soll ein Teil des Geschäfts mit diesen Ressourcen so organisiert werden, dass vor allem die Menschen in den Dörfern davon profitieren können. Denn hier ist das Problem der vielen Zwischenhändler zentral. Diese sammeln von vielen Dörfern Myrrhe und Weihrauch, um die Produkte dann in großen Mengen ins Ausland zu exportieren. Dabei bleibt natürlich ein Teil des Geldes bei den Zwischenhändlern. Geld das auch bei den Menschen in den Dörfern landen könnte. Soweit ich das verstanden habe, geht es aber auch nicht darum nun alle Zwischenhändler auszuschalten indem wir bereits bestehende Strukturen ersetzen, sondern vielmehr neue aufzubauen.
Dann können die Leute selbst entscheiden ob sie sich einer Kooperative anschließen die an einen Zwischenhändler verkauft oder einer die sich mit anderen als Union zusammentut, um selbst zu exportieren. Naja soweit der Plan. Noch wurde überhaupt nix irgendwohin von den Leuten selbst exportiert und der Aufbau eines solchen Unterfangens braucht auch seine Zeit. Dazu schreibe ich bestimmt an anderen Stelle nochmal mehr.

Zuletzt noch ein paar Worte zu den Menschen im Büro. Das ist nämlich sehr angenehm bunt gemischt. Hauptsächlich arbeiten hier Leute aus Äthiopien und D-Land zusammen, es gibt die jungen Praktikant*innen wie mich und Simon und die festen Angestellten. Dabei wurde anscheinend besonderer Wert auf eine ausgeglichene Verteilung der Geschlechter geachtet und die sonst so dominanten patriarchalen (also männlich bestimmten) Strukturen sind hier deutlich weniger ausgeprägt. Eine Frau* wird als Vorgesetzte (meiner Beobachtung nach) akzeptiert und es gibt eine entspannte, wenn auch förmliche Art des Umgangs. Was es zum Glück nicht gibt ist das Gefühl der ständigen Beobachtung und Beurteilung deiner Leistung. Die Menschen um uns herum arbeiten, soweit ich das beurteilen kann, selbstständig und entlang der getroffenen Absprachen ohne die spontan aufkommenden Bedürfnisse Anderer zu missachten.
Ich kann jede Person (fast) immer ansprechen und die Menschen nehmen sich sofort die Zeit, um meine Fragen zu beantworten. Das funktioniert ganz gut und über dieses Fragespiel ist es auch möglich die Menschen zu finden, die dir tatsächlich mit bestimmten Anliegen weiterhelfen können. Wenn sie nicht gerade weg sind – denn bei der GIZ ist es anscheinend eine Selbstverständlichkeit in regelmäßigen Abständen das Büro zu verlassen und in die Gebiete zu fahren, zu denen du arbeitest. Das ist definitiv etwas positives, so können Menschen überhaupt wirksame Arbeit machen und authentische Erfahrung sammeln. Auf der anderen Seite werden dafür ganz schön viele Ressourcen verbraucht und es ist schon auffällig, das ausgerechnet eine Organisation die sich Sorgen um den Klimawandel macht, ihre Leute ständig in den dicksten Autos umherfahren lässt oder in Flugzeugen durchs Land schickt. Natürlich macht die Beschleunigung der Welt durch Technologien auch im Falle der GIZ keine Ausnahme. Heute kann Mensch in wenigen Stunden von einem Kontinent auf den nächsten gelangen und mit den Möglichkeiten wachsen auch die Ansprüche, woraus sich wiederum neue Selbstverständlichkeiten ergeben. Eine große Organisation wie diese muss eben mit der Zeit gehen, auch wenn die neuen Technologien eigentlich nur bedingt in ihrem Interesse arbeiten.

Doch bleibt es ohne Frage höchst interessant, in Äthiopien zu arbeiten und ich bin auch stolz und glücklich meine Fähigkeiten einbringen zu können. Wie genau das ausschaut, werde ich noch selbst herausfinden.

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Schreibtisch-Welten

Und im nächsten Blogeintrag gibt’s dann auch wieder (viel) weniger Bürogeschichten und (viel) mehr Abenteuer, denn wir verbringen ja zum Glück nicht unsere ganze Zeit an Schreibtischen.

So far … away!

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Wandernde Hügel, singender Sand, berauschende Schönheit http://merlinmanna.blogsport.de/2017/05/12/wandernde-huegel-singender-sand-berauschende-schoenheit/ http://merlinmanna.blogsport.de/2017/05/12/wandernde-huegel-singender-sand-berauschende-schoenheit/#comments Fri, 12 May 2017 10:06:27 +0000 Administrator 38 - Mai '17 http://merlinmanna.blogsport.de/2017/05/12/wandernde-huegel-singender-sand-berauschende-schoenheit/ Die Wüste. Ein Ort ohne Wasser. So denke ich immer wieder die Wüste. Ein Ort der sich vor allem durch die Abwesenheit von Dingen definiert. Kein Wasser heißt keine Vegetation und als letzte Konsequenz keine Menschen. Die Wüste als Raum der Negation des Lebens, für mich vergleichbar mit der Oberfläche des Mondes – weit und lebensfeindlich. Ich war extrem neugierig was mich erwarten würde, wie es sich tatsächlich anfühlen würde dort zu sein.

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Die Sandwüste vor dem Sonnenaufgang



Bilder: flickr.com

Mit dieser Auffassung im Kopf stehe ich an der Straße mit 2 Freunden die ich in Marokko kennengelernt habe und auch reisen. Wir haben es nach einigen Stunden Wartezeit geschafft ein Auto anzuhalten das uns drei Hobos in die Wüste bringen würde und der erste additive Eindruck dieser mir unbekannten Landschaft beginnt sich in meinem Körper eine permanente Präsenz einzurichten: die Hitze. Omnipräsent und erdrückend. Wie eine viel zu dicke Decke an einem warmen Sommermorgen, nur diese kann ich nicht einfach von mir werfen um kurz darauf unter ner kalten Dusche zu stehen. Die Luft ist so heiß das wir im Auto die Fenster bis auf einen Spalt geschlossen halten. Wären sie geöffnet würde es sich anfühlen als ob dir jemand einen Fön ins Gesicht halten würde. Gleichzeitig verwandelt sich alles um uns herum in eine weite, hell leuchtende und steinige Ebene mit ein paar Bergen in der Ferne. Die Sanddünen sind noch nicht in Sicht und ich mache mir bewusst wie klein der Anteil der Sandwüsten an allen Wüsten der Erde ist. Hier regieren die Steine. Mit aller Härte strahlen sie die Unwirtlichkeit und Eintönigkeit dieser Gegend aus. Ich fühle mich ein Stück weit in meiner Vorstellung bestätigt doch die Hitze blockiert alle weiteren Gedankengänge und ich schlafe bis wir angekommen sind.

Im Dorf unserer Ankunft ist augenscheinlich niemand. Also begeben wir uns zunächst in ein Café um die Hitze abzuwarten. Eine Stunde vor Sonnenuntergang wagen wir uns wieder hinaus und siehe da die BewohnerInnen des Dorfes tun es uns gleich. Innerhalb einer halben Stunde errichtet sich ein ganzer Markt vor dem Café und es beginnt ein reges Treiben. An dem Treiben haben wir allerdings wenig Anteil, wir wollen schnell weiter zu den Dünen. Die Größte von ihnen ist schon von weitem sichtbar, ein Berg in gelb. Entsprechend einfach war die Navigation, einfach drauf zu. Mit jeder Station näher zu den Dünen intensivierte sich die Aufregung. Erst ging die Sonne unter und tauchte die Szene auf die wir uns zubewegten in ein weiches Licht. Kurz darauf erreichten wir die ersten Ausläufer der Dünen und unter unseren Schuhen knirschte nicht länger der harte Schotter einer Straße. Es war der sanft anmutende Sand der vortan unsere Schritte tragen würde. Unsere Füße bekamen diese Veränderung unmittelbar zu spüren als wir alle unsere Schuhe auszogen um dem warmen nachgiebigen Sand mit unseren nackten Sohlen zu spüren. Außerdem ist der Sand Barfuß angenehmer als in deinen Schuhen wo es sich nur so anfühlt als hätte jemand ne Socke reingestopft bevor du die Latschen angezogen hast.

Da sind wir also, mit unseren Rucksäcken auf dem Weg die erste Düne hinauf, was nicht einfach ist da du bei jedem Schritt aufwärts einen halben hinunter rutscht, und langsam erschließt sich uns das Bild der Wüste um uns herum und die Aufregung beginnt Überhand zu nehmen. Die Euphorie über diese einmalige und unwahrscheinliche Erfahrung schießt in unsere Köpfe und das Lachen bricht aus uns heraus. Das Lachen welches genau solch einen Moment begrüßt als Ausdruck unseres Bewusstseins etwas großes zu erleben. Lachend und euphorisch erreichen wir eine Gruppe von Bäumen inmitten der Dünen, welche wiederum einen Brunnen in ihrer Mitte haben. Zu unserer Überraschung ist niemand dort und wir vereinnahmen den Platz sofort. Befreit von unseren Rucksäcken verlassen wir den Schutz der Bäume und laufen wieder ein Stück weit die Dünen hinauf um den Eindruck der Wüste auf unsere Sinne noch tiefer wirken zu lassen.

Es ist in diesem Moment in dem mir bewusst wird welche weiteren additiven Eigenschaften mit der Sandwüste verbunden sind. Mit anderen Worten, ich begann zu erkennen was die Wüste IST und was sie HAT, anstelle eines Bildes welches sich aus dem Fehlen gewisser Dinge herleitet. Die Renovierung dieses Bildes begann mit der Hitze und setzte sich fort mit den habtischen Qualitäten des Sandes wie bereits beschrieben. Nun hatte die Ruhe um mich auf den nächsten Sinn zu konzentrieren. Ich schaute mir die Sandwüste an und war fasziniert.

Ich sah die weichen, ungebrochenen Formen der Dünen, die Formbarkeit des Sandes welcher vor mir im Wind die Düne hinaufwanderte, die unendlich anmutenden Wiederholungen der Dünen die sich zwar sehr ähnlich sind aber doch nicht gleich und sich wie ein gefrorenes, aufgepeitschtes Meer über die gesamte sichtbare Fläche vor mir ausbreitet. Ich sah wie die Dünen sich gegenseitig formen indem sie den Wind beeinflussen, so würde eine Düne im Windschatten der Anderen kleiner ausfallen oder gar ein Tal bilden. Auch die Dünen selbst tragen ein Abbild der Sandwüste auf sich. Die Oberfläche einer unberührten Düne hat dieses unverkennbare Muster das wir alle von Fotos kennen. Die vom Wind geschaffenen wellenförmigen Linien erstrecken sich uneinsehbar weit entlang der Düne und bezeugen die Unbeständigkeit der Wüste. Alles ist in Bewegung und der Sand den ich heute anschaue ist aller Wahrscheinlichkeit nach morgen nicht mehr dort.

Nachdem ich mich für eine Weile satt gesehen hatte setzte ich mich auf den Gipfel einer Düne und schloss die Augen. Als erstes verblieb vor meinem inneren Auge das Bild um mich herum und verband dieses unmittelbar mit der Weite der Landschaft, was wiederum ein Gefühl der Freiheit in mir hervorrief. Dann langsam versickerte dieses Bild im Sand und ich begann mir des nächsten Sinnes bewusster zu werden. Ich begann der Wüste zuzuhören. Und erneut ließ mich das was ich zu hören bekam an das Meer denken. Ein vielschichtiges Rauschen umgab mich. Da war das unbeständige Rauschen des Windes, dieser bließ mal mehr mal weniger stark und überdeckte so das darunterliegende Rauschen des Sandes. Der Sand welcher die Dünen hinauf- und hinabwanderte erzeugte ein Rauschen wie ich es bereits vom Strand kannte. Nur war es dieses Mal von einer umschließenden Qualität, es war überall um mich herum und bließ den Gedanken in meinen Kopf, dass dieser Sand von weit weit her gekommen ist und sein Rauschen wohl oft das Einzige ist was Menschen in der Wüste neben dem Wind zu hören bekommen. Der singende Sand und sein altes Lied muss schon seit langer Zeit im kollektiven Gedächtnis der Menschen existieren und ich wunderte mich welche Gedanken, Geschichten und Gewissheiten sich diese wohl daraus hergeleitet haben. Die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit der unmittelbaren Dinge im Gegensatz zum unverrückbaren, universellen Prinzip welche ihnen zugrunde liegen, könnte ein Beispiel sein. Dünen entstehen und vergehen jederzeit, das darunterliegende Prinzip dagegen ist unverändert. Aus Dünen entstehen neue Dünen, nicht dieselben aber doch die Gleichen.

All diese Beobachtungen kamen zu mir in der vom Vollmond erleuchteten Nacht. Es ist mal wieder nicht übertrieben davon zu sprechen das es ein magischer Moment gewesen ist. Es sollte sogar noch besser werden. Am nächsten Morgen erwachten wir noch vor Sonnenaufgang um die größte Düne in Sicht zu erklimmen. Es war tatsächlich relativ kalt und wir hatten Jacken an. Auf unserem Weg zum Gipfel wurde es langsam hell und wir sahen uns um und waren erneut ergriffen von Euphorie. Wir erblickten in der Dämmerung was wir schon zuvor erahnt hatten uns aber in seiner Ästhetik und Anmutigkeit schlicht berauschte. Die Weite und Schönheit der Sandwüste, alt und jung zugleich, ewig erneuert in ihren weichen, ungebrochenen Formen, die sich zwar in gewisser Weise voneinander unterscheiden ließen aber zugleich untrennbar wirkten. Dazu kam schon bald die Freude den Gipfel erklommen zu haben und der Rausch uns an dem Wunder vor uns nicht satt sehen zu können. Wir liefen auf dem Grad der riesigen Düne hin und her und ich fühlte mich wie der König der Welt und zugleich winzig und unbedeutend im Angsicht der Wüste. Ein Gefühl das ich übrigens aus dem Himalaya erinnere. Diese Erfahrungen mit den unbegreiflichen, majestätischen Wundern der Welt sind ein Schatz den ich nur allzu gern immer wieder aufspüren will. Zuletzt setzte die Müdigkeit ein, die Sonne war aufgegangen, wir gruben uns in den wärmdenden Sand ein und fielen in einen unbetrübten, sorgenfreien Schlaf.

Zuletzt erfuhr ich dann noch am gleichen Tag, es war Nachmittag geworden, wie feindselig die Wüste auch sein kann. Es ereignete sich nämlich etwas das du dir nicht wünscht wenn du in der Wüste bist. Es kam ein Sturm auf. Und ein Sturm in der Sandwüste lehrt dich vor allem eines: singender Sand ist dein Freund, horizontal durch die Luft peitschender Sand ist es nicht. Der Sand eroberte innerhalb kürzester Zeit unsere Leben. Drang in jede erdenkliche Faser unseres Seins und unserer Sachen. Es war denkbar unangenehm und ich erahnte dunkel was es wohl bedeuten würde eine Wüste zu durchqueren. Eine für mich nach wir vor unvorstellbare Qual. Solche Bedingungen längere Zeit zu durchleben muss dich ganz schön abhärten. Auch etwas das sicher schon vor langer Zeit die Mentalitäten und Kulturen der Menschen geprägt hat. Und verständlicher Weise wenden sich die meißten Menschen von solch einem entbehrlichem Leben ab. Der Komfort der Städte ist reiner Luxus und muss dir wie eine Fata Morgana erscheinen während du Sand isst, atmest, spürst, siehst, hörst, denkst und sogar träumst.

Wer weiß vielleicht werde ich eines Tages diese Erfahrung machen. Der Eindruck aus der Wüste hat mich auf jeden Fall nicht abgeschreckt.

So far … away!

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Südafrika auf dem Fahrrad: durch die Wüste, über die Berge und zurück in die Rocklands http://merlinmanna.blogsport.de/2017/02/01/suedafrika-auf-dem-fahrrad-durch-die-wueste-ueber-die-berge-und-zurueck-in-die-rocklands/ http://merlinmanna.blogsport.de/2017/02/01/suedafrika-auf-dem-fahrrad-durch-die-wueste-ueber-die-berge-und-zurueck-in-die-rocklands/#comments Wed, 01 Feb 2017 14:45:00 +0000 Administrator 35 - Februar '17 http://merlinmanna.blogsport.de/2017/02/01/suedafrika-auf-dem-fahrrad-durch-die-wueste-ueber-die-berge-und-zurueck-in-die-rocklands/ Mein Umstieg aufs Fahrradreisen war sehr unkompliziert. Ich hatte bereits alles dabei was ich dafür brauchte und nicht zuviel um das Rad zu schwer zu machen. Nach nur wenigen Stunden des Rumprobierens und Packens war es dann soweit. Wir machten uns auf die Stadt zu verlassen und mich daran der ungewöhnliche Perspektive des Tandems zu vertrauen. Der Clou an diesem Rad ist nämlich der folgende: die Person auf dem Vordersitz kann nichts tun außer in die Pedalen zu treten. Das erlaubt der Person auf dem Sattel hinter dir also die volle Kontrolle über die Lenkung, Gangschaltung, Bremsen und natürlich die Geschwindigkeit. Außerdem konnte ich auf meinem Panorama-Fahrrad-Frontsessel nur hoffen weit genug am Straßenrand zu sein wenn ein fetter LKW an uns vorbeirast, tun konnte ich dafür nur soviel als das ich Stephan meine Ängste mitteilen durfte. Ähnlich wie beim Klettern wo die Sichernde Person die Verantwortung für das Leben des Kletternden übernimmt, hatte ich mein Glück in Stephans Hände gelegt.

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Bereit für die Wüste: wenns zu steil wurde musste einer von uns absteigen und schieben


Link zu den Bildern: flickr.com

Erstaunlich schnell hatte sich dieser Eindruck der Ohnmacht durch das Gefühl der Faulheit ersetzt. Denn auf dem Vordersitz zu sein bedeutete nicht nur wenig tun zu können, sondern auch zu müssen. Von meinem Platz aus konnte ich schnell anfangen die Umgebung und alles was es zu beobachten gab zu genießen. Wir passierten in unseren ersten Tagen vor allem lange Bergketten und sehr trockene Halbwüsten, unterbrochen von kleinen Orten in denen wir Halt machten um zu essen oder zu schlafen. Durch das Fahrrad war uns dabei während der gesamten Zeit die völlige Aufmerksamkeit aller Menschen sicher. In den Orten wurden wir sofort von den Locals ausgefragt und einige erzählten uns von dem Moment an dem sie uns auf der Straße einen Berg hochkämpfen sahen. Schnell bist du auf dem Tandem auf jeden Fall nicht, vor allem nicht bergauf! Die Menschen waren wirklich oft sehr neugierig und hilfsbereit, mehrere Male kam es vor, dass wir eingeladen wurden. Dabei trafen wir auch auf einige merkwürdige Gestalten. So ein älterer Dude in einer Bar der von sich sagte er hätte als Polizist in Johannesburg gearbeitet. Das sei lebensgefährlich und wir sollten auf keinen Fall in diese Stadt fahren, stattdessen sollen wir ihn lieber in der nächst größeren Stadt besuchen, sein Sohn hätte dort eine Vogelstrauss Farm. Dann würden wir soviel Vogelstrauss vom Grill bekommen wie wir wollten und wenn uns der Sinn danach stünde könnte Mensch die Viecher auch noch reiten vorm Essen. Oder wie in unserem Fall schnell das Bier trinken und sich nach anderen Gesprächen umschauen.

Die Halbwüste in wir unsere meißte wache Zeit verbrachten machte uns allerdings auch zu schaffen. Hitze, brennde Sonnenstrahlen, Gegenwind, steile Anstiege, mit einem eklatanten Mangel an kühlendem Fahrtwind und ein deutlich erhöhter Wasserkonsum vermittelten mir unmittelbar wie extrem es sein kann auf einem Rad durch Afrika zu reisen. Manche der anderen Verkehrsteilnehmer*innen dachten sich das auch und hielten mit einem großemn Tourenmotorad neben uns während wir in der Sonne standen und überreichten uns aus heiterem Himmel kalte Softdrinks – was für ein Geschenk!

Eine der besten Eigenschaften des Tandems ist neben den Aufmerksamkeiten Anderer die Möglichkeit sich gegenseitig Aufmerksamkeit schenken zu können. Während wir uns also durch die sengende Hitze einer leeren wüstenartigen Landschaft bergauf kämpften und schwitzten, konnten wir uns ausgiebig vollquatschen. Und getreu dem Sprichwort das geteiltes Leid nur halbes Leid ist, half es tatsächlich sehr die Anstrengung gemeinsam zu unternehmen, so kommt nie das Gefühl auf abgehängt zu werden. Zudem teilten wir dann auch die Abfahrten zusammen, sprich mit 50km/h einen Pass runterbrettern, was für ein Spass!

Einmal erreichte der Grad an Aufmerksamkeit einen Punkt mit dem selbst wir nicht gerechnet hatten. Nach einem langen Tag auf der Straße kamen wir in einem größeren Ort namens Oudtshoorn an und wurden dort bereits erwartet. Ein Reporter der lokalen Zeitung hatte einige (!) Telefonanrufe bekommen und wurde gefragt wer wir sind und was wir vorhaben. Also stellte er uns genau diese Fragen und heraus kam ein Hauch von Übermütigkeit auf unserer Seite – schließlich waren wir jetzt Stars – nebst einem Zeitungsartikel den ihr euch hier anschauen könnt: Original in Afrikaans (LINK) und die Übersetzung von Google auf Deutsch (LINK)

Nach so viel Aufregung mussten wir uns zunächst einmal ein paar Tage am Pool entspannen bevor wir aufbrachen um ein großes Höhlensystem ganz in der Nähe zu besuchen. Die Höhlen waren vor allen dadurch gekenzeichnet, dass diese absolut perfekt für ein Hardcore, Doommetal oder Stonerrock Konzert geeingnet waren. Die riesigen Stalaktitien und Stalakmieten (letztere wachsen von unten nach oben) waren beeindruckend schön und voller kleiner Assoziationen durch ihre vielen kleinen Formen. Es ist ein bischen so als würdest du durch eine Mininaturwelt laufen die nicht Menschen gebaut haben sondern physikalische, chemische und biologische Prozesse hervorgebracht haben. Am Ende als ich das Höhlenuniversum verließ war ich mergkwürdigerweise bedrückt und erleichtert zugleich. Bedrückt den schönen Ort zu verlassen aber erleichtert wieder unter freiem Himmel zu stehen.

Das Tandem eigente sich nicht nur Fortbewegungsmittel. Es ist auch eine materiell gewordene Einladung zur Kommunikation und Spiel mit so ungefähr jeder* auf den Straßen und in der Öffentlichkeit. So kamen wir beispielsweise nach unserer kleine Höhlenexpedition nach draußen und unterhielten uns für eine Weile mit den Mitarbeitenden an dem Infotresen über das Fahrrad und luden diese ein eine kleine Probefahrt mit uns zu machen. Nicht alle haben sich getraut, doch wer es wagte machte einen sehr freudigen Eindruck!

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Vor den Kangaroo Caves auf einer kleinen Probefahrt

Ein paar Tage später sollte unsere kleine Fahrradtour mit der Ankunft eines Freundes von Stephan auch schon zu Ende gehen. Dieser hatte ein Auto und wir alle unglaublich Bock nochmal richtig derbe klettern zu gehen. So entschieden wir das Fahrrad in den Kofferraum zu stecken (es lässt sich recht einfach zerlegen) und in eines der bekannteste Kletter- und Bouldergebiet Südafrikas zu fahren: die Rocklands in den Cederbergen. In kauf nehmen mussten wir dafür eine lange Fahrt im Auto auf fast genau der Strecke die wir zuvor mit dem Rad bestritten hatten. Manchmal bewegst du dich eben rückwärts um vorwärts zu kommen!
Um dem Übergang etwas feierliches zu verleihen haben wir noch auf ein kleines Dirtroad Abenteuer eingeschoben. Mit dem Auto fuhren wir den Swartberg Pass hinauf und mit dem Tandem ohne Gepäck wieder hinunter. Die Felsen, Gesteine und Berge an diesem Ort sind wahrhaftig atemberaubend, Gesteinsschichten stehen vertikal dem Himmel entgegenlaufend an der Straße, andere wurden gebogen und gedehnt wie das Innere eines Franzbrötchens, es ist fast so als hätten die Kräfte der Erde zuviel Zeit zum spielen gehabt.

So far … away

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Die Sonnenseiten Südafrikas http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/31/die-sonnenseiten-suedafrikas/ http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/31/die-sonnenseiten-suedafrikas/#comments Tue, 31 Jan 2017 12:10:52 +0000 Administrator 34 - Januar '17 http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/31/die-sonnenseiten-suedafrikas/ Nach den ersten Tagen in Cape Town machte ich mich auf um die Sonnenseiten des Reisens in Südafrika kennenzulernen. Bereits die ersten Minuten nachdem ich aus dem Bus stieg welcher mich aus der Stadt fuhr eröffneten ein Spiel von Licht und Schatten. Der Bus hielt nämlich nicht in einer Stadt von der aus es möglich wäre andere Busse zu finden, sondern mitten in der Halbwüste an einer Tankstelle; mehere Kilometer vom nächsten Ort entfehrnt. Die Annahme lautet, dass selbst Menschen die mit dem Bus reisen wollen über einen Möglichkeit verfügen mit dem Auto diesen auch zu erreichen. Die 35 Grad im Schatten ergaben zusammen mit den Unmengen an Sand und Sträuchern ein eher düsteres Bild, bis ich nur eine Minute später die erstbeste Person fragte wie ich hier wieder wegkommen könnte. Ein Lächeln und schon geht die Sonne in meinem Kopf auf, denn Sekunden später sitze ich in einem Auto mit einem Haufen Töpfe und zwei Menschen die genau da hin wollen wo ich hin will: Montegu.



Link zu den Bildern: flickr.com

Montegu ist ein kleiner Ort. Ein Ort der sich noch im sogenannten Western Cape befindet und ebenfalls noch sehr deutlich sichtbare Segregation aufzuweisen hat. Drogenmissbrauch und Beschaffungskriminalität sind hier nicht zu unterschätzen wie ich später erfahren sollte. Doch solange die Sonne in Montegu scheint gibt es noch viele andere Lichtpunkte die ich entdecken würde. Die Menschen in solch kleinen Orten sind allzuoft überraschend offen und herzlich, neugierige Fragen zu meinen Reisen und meiner Herkunft (ich werde übrigens selten gefragt wo denn meine Familie herkommt) kommen oft gepaart mit Fragen und Tipps zur Umgebung und was es alles hier zu entdecken gibt. Für mich war vor allem eines ganz besonders wichtig: die Kletterei.

Bereits in Deutschland hatte ich mich auf diesen Moment gefreut: endlich aus der kleinen miefigen und heißgeliebten Boulderhalle raus an den Fels, klettern im Seil oder auch Sportklettern genannt, war mein großer Traum für diese Reise in Afrika. Die Erfüllung dieses Traumes ist für mich vergleichbar mit einem Sonnenaufgang bei dem sich immer mehr Abstufungen von Licht mit der Entfaltung der Farben vermischt und die Bewegung der Welt ankündigt an einem neuen Tag voller Frische und Möglichkeiten. Ich hab mich mit ganzen Herzen ins Klettern gestürzt und so viel Spass an körperlicher Anstrengung gefunden wie schon lange nicht mehr.
Nur um die Faszination noch etwas weiter zu vermitteln: es beginnt zumeist alles sehr harmlos, eine einfache Route wird zum aufwärmen auserkoren und die Ausrüstung bereitgelegt. Gerade an meinen ersten Tagen kam noch eine Menge Herzklopfen dazu. Dann versuche ich so gut wie möglich die vor mir liegende Route die bis zu 35m in die Höhe geht einzuschätzen, immer so ungefähr die kommenden 5-10 Meter. Wird es gute Griffe geben an denen ich mich ausruhen kann? An welchen Stellen werde ich nach links oder rechts ausweichen müssen? Wie sind die Haken mit denen ich mich ins Seil einhänge und sichere verteilt? An welchen Stellen macht es Sinn mit voller Kraft schwere Bewegungen möglichst flüssig und zügig durchzuführen um danach wieder Kräfte zu sammeln? Beim klettern ist die einzige Einschränkung des Möglichen du selbst. Mit 2 Jahren Erfahrung im Bouldern (klettern ohne Seil in bis zu 3 Meter Höhe mit sehr vielen schweren Kletterbewegungen) wusste ich zwar um meine Kräfte und meine Fähigkeit auch recht schwere Züge zu meistern doch das Taktieren auf vielen Metern am Fels war völlig neu für mich. Dazu kommt eine gewisse Nervosität ab einer gewissen Höhe mit der ich auch immer wieder im Konflikt stehe. Es ist in den meißten Fällen unproblematisch kontrolliert in großer Höhe ins Seil zu fallen. Angenehm ist es aber auch nicht jedes Mal, schließlich musste ich mich manchmal kontrolliert 6 Meter tief fallen lassen bevor das Seil mich langsam bremste. Die Seile beim klettern besitzen übrigens eine gewisse Elastizität, sodass ein Sturz nicht so abrubt endet wie ein Autounfall im Sicherheitsgurt.
All diesen Herausforderungen zum Trotz (und gerade deshalb) ist der Moment des Erfolgs unwahrscheinlich. Eine sehr schwierige Passage und sogar eine ganze Route ohne einen Fehler und Sturz zu klettern ist eine wundervolle Erfahrung; mein Gehirn hat mich so tagelang mit Glückshormonen gefüttert. Neben den kurzfristigen Erfolgen und Momenten des Hochgefühls kommen die langfristen Verbesserungen. Nach einigen Tagen zeichnete sich bei mir schon der erste Sprung ab und nach ein paar Wochen ein weiterer, klettern ist ein ausgezeichnetes Trainig und so konnte ich mich auch stetig verbessern.

Neben dem Klettern selbst gibt es noch so einige andere Vorzüge und Annehmlichkeiten die mit diesem Lebensgefühl (Sport wäre schon ein bischen zu wenig, ähnlich beim Surfen) für mich verbunden sind. Gutes Essen, Tage der in wundervollen Natur umgeben von einmaligen Felsen mit einem Glücksgefühl in dem Moment in dem du auch noch die Aussicht genießen kannst in großer Höhe und natürlich die Menschen. Die Menschen die klettern sind offensichtlich mehr mit einander verbunden als voneinander getrennt, teilen doch alle das Gefühl hier sein zu dürfen und klettern zu können. Das kommt ganz besonders in Gegenden zum Vorschein die zudem auch schwer zu erreichen sind und besonders anmutig in ihrer Schönheit dastehen. Es gibt so manche entspannten, alternativ Gesinnte*n, doch einige Vollzeitkletternde mit hohen Erwartungen an sich selbst und einem für mich etwas abschreckend wirkenden Ergeiz. Doch die allermeißten Menschen die ich traf hatten eine sehr ähnliche Einstellung zum klettern wie ich: Hauptsache klettern. Schwierigkeitsgrade oder Vergleiche sind eher unwichtig für den Spass und die Erfüllung die vom Klettern rührt. Es ist vielmehr das Lebensgefühl das zählt als ein persönlicher Erfolg der – auch wenn er dir den Tag versüßt – am nächsten Tag ja schon wieder vergessen ist.

Zurück vom Klettern zur Reise. Nach einiger Zeit in Montegu beim Klettern passierten zwei Dinge die davon unabhängig recht wichtig waren. Zunächst wurde meine Kamera gestohlen. Das ist sehr ärgerlich, es dauert jetzt viel länger alle Bilder zusammen zu bekommen die ich gerne haben will, manche hab ich bis heute nicht erhalten – entschuldigt daher die ungewohnte Qualität der Aufnahmen. Abgesehen davon hat mir der Verlust mal wieder gezeigt, dass es emotional eine Belastung sein kann ein Ding nicht mehr zu besitzen aber der Schmerz sehr schnell vorübergeht. Nur wenige Tage später ist es schon fast vergessen, eine Gefühl des Ärgers oder Bedauern kommt nicht mehr auf.

Doch viel wichtiger war der Moment der Ankunft von Stephan. Stephan kam nach Montegu auf einem Fahrrad. Nicht irgendein Fahrrad, sondern das abgefahrenste, bunteste, auffälligste, beindruckenste und sowieso genialste Tandemfahrrad das ich jemals gesehen hab. Und so stand ich da mit Stephan vor dem Rad und er erzählt mir wie ihm ein Bekannter das Rad eines Abends anbot als Stephan von seinen Afrikareiseplänen erzählte. Anstatt nun mit dem Bus und anderen Verkehrsmitteln von Cape Town nach Addis Abeba in Äthiopien zu reisen würde er es nun mit diesem Tandemfahrrad machen und übrigens sucht er auch immer Leute die gerne mit wollen… wie bitte?! Ja tatsächlich bot er mir an ihm auf seiner Reise soweit ich wollte zu begleiten, nur strampeln müsse ich ordentlich! Das musste ich mir wiederum nicht lange überlegen, eine solche Gelegenheit ist für mich schon fast eine Verpflichtung, ich konnte sofort das sonnige Potential einer solch ungewöhnlichen Art und Weise zu Reisen erkennen.

Was mir eben auf diesem Rad alles wiederfahren ist und wo wir hingefahren sind und wie abgefahren das alles manchmal sein kann kommt im nächsten Eintrag. Sicher ist aber jetzt schon, es waren wieder einige Sonnenseiten Südafrikas auf unserem Weg.

So far … away!

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Die Schattenseiten Südafrikas http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/20/die-schattenseiten-suedafrikas/ http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/20/die-schattenseiten-suedafrikas/#comments Fri, 20 Jan 2017 15:15:32 +0000 Administrator 34 - Januar '17 http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/20/die-schattenseiten-suedafrikas/ Meine Ankunft in Südafrika lässt sich ganz gut als umgekehrten Kulturschock beschreiben. Aus dem Flughafen nahm ich den Bus in eine Gegend von Cape Town die überwiegend von den Superreichen bewohnt wird: Camps Bay. War ich vor 24 Stunden noch in einer Stadt in der schon ein vielstöckiges Gebäude Luxus und Reichtum ausstrahlt, stieg ich nun in einer Gegend aus die mich an die hamburger Außenalster erinnerte. Dekadente Villen, überteuerte Autos, schnicker Rasen, elektrischer Stacheldraht, dazu ein dunkelblauer Ozean, Sandstrand und im Hintergrund ein Demut gebietender und Erfurcht einflößender Table Mountain. Ich konnte den Kontrast zur überfüllten, grauen, unfertigen und toxischen Hauptstadt Äthiopiens gar nicht fassen. Ich beführchtete schon der Couchsurfer mit dem ich verabredet war würde in einem Schloss leben. Das war glücklicherweise nicht der Fall, Markus teilt sich das Zwei-Zimmer Appartment mit noch drei weiteren wundervollen Menschen und ist ganz und gar nicht der Schnösel. In den paar Tagen die ich zu Besuch war haben wir ausgiebig gechillt, gekocht, diskutiert, sind auf den wunderschönen Table Mountain geklettert und uns dafür ordentlich bei nem Braai (Grillabend) gefeiert.



Link zu Bildern: flickr.com

Bei letzterem gab es dann eine weitere Beobachtung die mich sehr verwunderte und zugleich bestürtzte: Ich war mit meinem deutschen Pass der dunkelste (Pheno-)Typ auf der Party. War ich nicht auf dem afrikanischen Kontinent? In Äthiopien hab ich kaum Menschen aus den westlichen Ländern getroffen (ja nich mal deutsche Kartoffeln* waren da!), während ich in Cape Town keine Afrikaner mit schwarzer Haut antreffe? Wie ist das möglich? Fragen die ich dann vielen auf der Party gestellt hab. Die Antworten waren unvorbereitet und spontan, zudem gebe ich diese nun selbst noch wieder – sie können also nur als Eindruck, nicht als soziologische Erklärung dienen. Zu meinem Erstaunenen waren die Fragen gar nicht so unbequem wie ich zuerst dachte, ich gewann den Eindruck das sich jeder in der Stadt mit der Rassismusfrage beschäftigen muss. Institutionell wurde Rassismus unter Nelson Mandela im Jahre 1994 mit dem Ende der Arpartheit abgeschafft. Strukturell ist die Rasse aber weiterhin ein entscheidendes Merkmal geblieben. So wurde mir erzählt, dass Mensch keine Freunde in den Townships (Siedlungen in denen mehrheitlich sozial Benachteiligte People of Colour* unter oft miesen Bedingungen leben) hat weil es keine Berührungspunkte gibt. Die Orte an denen Menschen sich austauschen und in Kontakt kommen sind nach wie vor stark ethnisch segregiert, also nach dem Merkmal der Rasse entmischt. Ganze Viertel werden fast ausschließlich von der einen oder anderen Ethnie bewohnt. Dazu hier mal ein paar Karten (yeah Karten, Geographie is der Shit!):

Cape Town_2001
CapeTown
Johannesburg_2001
Johannesburg
Quelle:
Sunday Times News by Graeme Hosken & Stats SA

Dazu kommen dann noch Schulen, Clubs, Restaurants und so weiter. Die räumlichen Strukturen der Apartheit sind also noch sehr lebendig auch wenn laut Gesetz eine solche Unterscheidung nicht mehr zulässig ist. Darüber lässt sich sicher noch einiges mehr schreiben, doch ich beschränke mich mal auf die Eindrücke vom Braai.
Ein weiteres Argument welches hervorgebracht wurde war ökonomischer Art. Der Lebensstil vieler Menschen in Cape Town sei allein dem Einkommen wegen schon zu verschieden. Menschen aus den Townships wären des Geldes wegen nicht in der Lage am öffentlichen Leben in der gleichen Art und Weise teilzunehmen wie die Bewohner aus Camps Bay.
Zudem gäbe es auch bezogen auf den Lebensstil zu unterschiedliche Interessen. Die Einen haben die Kultur (ein sehr abstrakter und schwieriger Begriff in diesem Zusammenhang) ins Feld geführt, Andere führten dies auf den westlichen Einfluss zurück. Dieser sei bei der weißen* Bevölkerung deutlich stärker ausgeprägt.

Wie ihr erkennen könnt sind die Meinungen darüber sehr vielfältig. Ich bin schlussendlich davon überzeugt, dass sowohl räumliche und sozioökonomische als auch individuelle Prozesse an dem momentanen Zustand der Gesellschaft in Cape Town beteiligt sind. Die Grundlage die gewachsene, historisch begründete Norm zu durchbrechen ist allerdings geschaffen. In anderen Teilen des Landes, wie der inoffiziellen Hauptstadt Johannesburg, wir dies bereits praktiziert. Auch dort ist der Prozess nicht abgeschlossen. Doch der Umgang mit der Geschichte erschien mir viel offener, ungezwungener und verantwortungsvoller. Aus meiner Sicht war das Individuum an diesem Prozess viel aktiver beteiligt, während in Cape Town diese Aufgabe mit Blick auf die zuständigen Institutionen fallengelassen wird.

Die regionalen Unterschiede in den urbanen Räumen sind demnach beträchtlich. In den ländlichen Gebieten erschien mir dies noch deutlich homogener. So habe ich keinen einzigen Farmer getroffen dessen Vorfahren nicht aus Europa stammen würden. Die Arbeitskräfte für die zumeist körperlich verdammt anstrengende Arbeit stammen hingegen aus dem ganzen Süden Afrikas und sind, soweit ich das aus meiner Erfahrung beurteilen kann, alle People of Colour*. Auch die Einstellung vieler mit denen ich sprach war noch offen rassistisch. Die Stereotypen im einzelnen nachzuzeichnen ist mir an dieser Stelle zuwieder, doch sind die Vorurteile erschreckend ähnlich mit denen die mir aus Deutschland bekannt sind.

Soviel erstmal zu diesem Thema an Input. Eine Rahmung des Ganzen darüber hinaus ist mir allerdings auch sehr wichtig: Wie schon erwähnt habe ich meine persönlichen Eindrücke beschrieben, es gibt viele Ausnahmen zu dem was eventuell generalisierend klang. So etwas in einer solchen Diskussion besonders zu beachten verhindert umgekehrt negative Stereotypen aufzubauen. Das gilt auch für die Sprache. Ich habe bestimmte Begriffe mit einem * markiert. Diese sind als Ausdruck der politischen Korrektheit zu verstehen, allerdings weder universal noch dogmatisch. Wichtiger ist mir das wir uns bewusst machen welche Vorurteile wir haben und mit ihnen umgehen lernen. Wir alle haben Vorurteile, als Teil der menschlichen Natur sind wir auch argwöhnisch und misstrauisch. Das ist nicht ungewöhnlich und wohl kaum jemand kann sich davon freimachen. Aber sich die eigenen Vorurteilen täglich gewahr zu machen und zu hinterfragen ist eine Aufgabe, die sich aus dieser Eigenschaft ableitet, insbesondere wenn wir eine kosmopolitische Welt anstreben.

So far … away!

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Von ruhigen Stränden, pinken Stürmen, heiligen Vulkanen & weinachtlichen Irrstädten http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/10/von-ruhigen-straenden-pinken-stuermen-heiligen-vulkanen-weinachtlichen-irrstaedten/ http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/10/von-ruhigen-straenden-pinken-stuermen-heiligen-vulkanen-weinachtlichen-irrstaedten/#comments Tue, 10 Jan 2017 15:06:45 +0000 Administrator 34 - Januar '17 http://merlinmanna.blogsport.de/2017/01/10/von-ruhigen-straenden-pinken-stuermen-heiligen-vulkanen-weinachtlichen-irrstaedten/ Meine letzten Wochen in Ethiopien hab ich damit verbracht mal wieder so richtig ins Reisegefühl einzusteigen. Also erstmal an den Strand des einzigen badetauglichen Sees Ethiopiens (Lake Langano) fahren, die Hängematte aufspannen und die Seele baumeln lassen. Es ist erstaunlich wie viel ich in den Tagen nach der ganzen Aufregung schlafen konnte. Die Starkstromspannung der Ereignisse war praktisch seit September mit Beginn der Schreibphase an der Bachelorarbeit an mich angelegt. Wissenschaftlich zu arbeiten hat auch nicht dazu beigetragen mal gründlich zu entspannen und reflektieren. Daher hab ich es sehr genossen mal allein zu sein, schwimmen, schlafen, wandern, die Gedanken treiben lassen.

Zwischendurch kam dann Aufregung doch noch in Form kleiner Sandkörner und unerwarteten Pinktönen. Ich war auf einer Tageswanderung im benachbarten Nationalpark unterwegs und beobachtete zusammen mit dem Guide Steve die Natur und die dunkle Wolke die sich auf unserem Wege zusammenbraute. Unterwegs scherzte ich noch mit ihm über eine Wanderung durch die Wüste, wie episch diese Erfahrung sein müsse. Kurz darauf bekam ich einen sehr guten Eindruck als die Wolke sich als Sandsturm entpuppte und uns voll und ganz in einen Hagel kleiner Sandkörner eindeckte. Zum Schutz mussten mir unsere Gesichter vollständig verdecken und die Augen zu winzigen Schlitzen hinter unseren Sonnenbrillen zusammenkneifen. Das Gefühl den Kräften gnadenlos ausgesetzt zu sein kam auf und wir mussten eine gute Portion Willen und Anstrengung aufbringen um uns durch diesen fliegenden Sandkasten zu bewegen. Am Ende kam dann noch ein völlig surreales Moment hinzu. Wir hatten den größten Teil der Wolke hinter uns und während wir noch unsere Augen zusammenkniffen kam ein pinker Horizont in Sicht. Soweit das Auge reichte, ein leuchtendes Pink, welches bei nährerer Betrachtung sich bewegte und dann als riesiger Schwarm von Flamingos erkennbar wurde. Das pinke Licht am Ende des Sandsturms.

Kurz darauf wurde ich dann ein weiteres Mal und ganz außerplanmäßig, wieder Teil des Forschungsprojekt. Mir wurde nämlich angeboten noch zwei weitere Wälder zu besuchen und solche Rundreisen kann ich natürlich nicht ausschlagen. Einer der Wälder lag im Inneren des Vulkans Ziquala und war damit eine ganz besondere Umgebung für sich. Der Vulkan ragt mehrere hundert Meter über seiner Umgebung in den Himmel und vermittelt eindrucksvoll wie mächtig wohl die heißen magmatischen Kräfte sein müssen die unter der Erdkruste liegen. Um zum Wald zu gelangen mussten wir uns zu Fuß aufmachen und begegneten unterwegs jeder Menge Menschen mit Bündeln voller Kräuter und Gemüse. Diese Menschen leben am Kraterrand, in unmittelbarer Nähe zum Wald und bauen dort ihre Produkte an, welche sie auf den wöchentlichen Märkten verkaufen. Aus der Diskussion mit den Kollegen bekam ich dann zu hören, dass diese Menschen aber auch leider zum Rückgang des Waldes massiv beigetragen haben und geltendem Recht gar nicht auf dem Vulkan leben dürften. Dieses ist nämlich erklärtes Schutzgebiet und den Bewohnern wurden Flächen in der tiefer liegenden Ebene angeboten. Diese haben sich auch einige Bewohner angeschaut und festgestellt, dass diese zu klein, trocken oder/und unfruchtbar sind. Schließlich sind sie wieder zurückgekehrt, haben sich an Protesten gegen die Regierung beteiligt und warten nun im Prinzip auf ihre Räumung. Ein klassisches Problem der Abwägung zwischen dem Schutzgut Natur und den Menschenrechten. Eine gute Lösung in bisher leider nicht in Sicht. Dies bedauert vor allem die ebenfalls im Vulkan ansässige Kirchengemeinde mit ihrer unglaublichen Größe von über dreihundert aktiven Mitgliedern. Die Kirche will den Wald erhalten und hat sich schon länger mit der Produktion von Stoffen und dem Verkauf und Handel in kleinen Läden, von den materiellen Ressourcen des Waldes entkoppelt. Der gesamte Berg ist zudem heilig gesprochen und das Innere, inklusive eines Sees mit heiligem Wasser wird von der Kirche verwaltet. Ich bin gespannt wie sich diese Situation entwickeln wird, denn auch wenn ich den Eindruck hatte, dass es der Kirche wichtig ist den Wald zu schützen und keine zusätzlichen Bewohner zu haben, so kann ich mir nicht vorstellen wie eine gewaltsame Räumung ihre Zustimmung finden würde.

Zuletzt war ich dann noch in der faszinierenden, magischen ja schon fast verwunschenen Stadt Harar. Diese liegt ganz im Osten des Landes und hat mit Varanassi in Indien zusammen die unglaublichste Altstadt die jemals gesehen hab. Die Stadt aus dem 13. Jahrhundert schaffte es mühelos eine Zeitreise zu kreieren indem sie mich in ihre labyrithartigen, zum Teil hüftbreiten Gänge und Straßen lockte. Alle paar Meter gab es etwas zu entdecken, die Türen und Mauern sind oft bunt bemalt und die Menschen freundlich und unglaublich offen. Am Tag des äthiopischen Weinachtsfest konnte ich überhaupt nicht in Ruhe verträumt durch diese lebendige Museum laufen, sofort wurde ich energisch und mit Nachdruck eingeladen. Kaffee, Tee, Essen – einmal wurde ich von einem 16 jährigen Mädel von der Straße geholt und in ihr Haus mitten in die Weinachtsfeier gebracht. Alle waren völlig cool damit und haben sich gefreut einen Gast zu haben. Ich stell mir vor ich hätte einen Typen an Weinachten von der Straße in unser Wohnzimmer gebracht. Die Stimmung wär sicher eine andere gewesen!
Neben den freundlichen und offenen Menschen gabs dann da noch die khatkauenden Verrückten, wunderlichen Kinder, traditionell gekleidete junge Eselantreiberinnen, Verkäuferinnen und Händler aller Art in Märkten und auf den Straßen, eine Straße voller Schneider auf dem Gehweg, hunderte Wohnzimmergroße Moscheen, historische Stadttore, kleine Ein- und Ausgänge durch die Stadtmauer, Kinder die Tauben züchten, Innenhöfe die ganz und gar in einer Farbe gehalten wurden – diese Stadt ist wahrlich ein eigenständiges Universum des urbanen Lebens.

Mit dieser Erzählung geht meine Zeit in Ethiopien leider zu Ende und zum meinem größten Bedauern sind zudem die Bilder aus Harar für immer verloren gegangen. Ich werd wohl nochmal dorthin müssen.

Anschließend möchte ich über meine Zeit hier vor allem noch sagen wie unglaublich mir diese Vielfalt hier vorgekommen ist. Wenig lässt sich verallgemeinern, die Menschen sind oft eher zurückhaltend und tiefgründig, es braucht einiges an Zeit um jemanden hier gut zu kennen. Zudem habe ich den Eindruck erhalten, dass es viel Stolz und sogar Hochmut gibt, Kritik zu äußern ist ein sehr filigranes, explosives Unterfangen. Doch war ich auch beeindruckt von den ernsthaften und wissenschaftlich fundierten Bemühungen meiner Mitstreiter das Leben der Menschen zu verbessern und welche vielfältigen Charaktere sich in solch einer Koalition wiederfinden lassen. Meine nächsten Worte werden sich dann um ein neues Land drehen: Südafrika – Yeah!

So far … away!

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Einmal Zeitgefühl mit Philosophie und nem Schuss UNESCO bitte! http://merlinmanna.blogsport.de/2016/12/25/einmal-zeitgefuehl-mit-hingabe-und-nem-schuss-unceso-bitte/ http://merlinmanna.blogsport.de/2016/12/25/einmal-zeitgefuehl-mit-hingabe-und-nem-schuss-unceso-bitte/#comments Sun, 25 Dec 2016 15:39:49 +0000 Administrator 33 - Dezember '16 http://merlinmanna.blogsport.de/2016/12/25/einmal-zeitgefuehl-mit-hingabe-und-nem-schuss-unceso-bitte/ Moin moin und Salamnu,

es ist doch schon immer wieder erstaunlich. Nun bin ich seit fünf Wochen hier und erlebe so viele intensive Momente, so viel passiert in so kurzer Zeit, dass sich mein Gespür für Zeit völlig neu orientieren muss. Ein passender Vergleich wäre eine Situation in der du auf etwas wartest. Völlig egal was, nur hast du keine Möglichkeit dich abzulenken. Du wartest also ohne eine Uhr oder etwas zu lesen für einige Stunden bis endlich was passiert. Mir kommt solch ein Warten jedes Mal unerträglich lange vor. Mein Zeitgefühl scheint mir dann vorzugeben, ich würde schon stundenlang unbewegt hier auf diesem Fleck sitzen. Dieses bewusste Erleben von Zeit ist für mich extrem selten und dann meist auch wenig angenehm.

Auf Reisen stellt sich hingegen für mich eine ganz andere Art der Wahrnehmung für Zeit ein. Den wichtigsten Anteil daran hat für mich die Unbeständigkeit.

Im Gegensatz zum routinierten Lebensablauf, bei dem mir die Zeit oft davonfliegt, kann ich in der Unbeständigkeit ein bewusstes Erleben finden. Denn nicht zu wissen was ich heute tun werde ist eine tägliche Herausforderung. Ich werde gefordert aus meinen üblichen Bahnen herauszutreten und mir Gedanken darüber zu machen was gerade in diesem Moment passiert und warum. Ich setze mich ohne Mühe mit dem Hier und Jetzt auseinander, es ist schlicht und ergreifend der interessanteste Moment für meinen Geist. Denn die Unbeständigkeit birgt in sich auch die Eigenschaft unvorhersehbar zu sein. Ich kann mir zwar manchmal Pläne machen (und viel Spaß dabei haben) aber wenn ich ehrlich zu mir bin, weiß ich genau wie wenig davon in Erfüllung gehen wird. Zum Glück, schließlich wiederfahren mir – und wohl auch allen anderen Reisenden – immer wieder die unvorstellbarsten Dinge und Gelegenheiten. Doch diese nutzen zu können, sie zu erkennen und zu ergreifen, fordert mich heraus. Bin ich nicht im Hier und Jetzt, nicht mit meinem Geist im Moment präsent, vergehen viele dieser Gelegenheiten unbemerkt. Ohnehin ist der unbewusste Anteil an Tagträumerei für mich auf Reisen viel kleiner. Viel zu spannend ist das Gegenwärtige und wenn ich mich mal in meine Hängematte hau und träum dann entscheide ich mich dafür und nehme auch gleich viel mehr bewussten Einfluss auf meine Gedanken.

In meinem Leben in Hamburg war das ganz anders. Dort gab es viel Zeit in der die Auseinandersetzung mit der Gegenwart wenig interessant war, ich hätte wohl kaum Lust gehabt stundenlang bewusst zu erleben wie ich an einem Schreibtisch vor einem Computer sitze. Hier war es oft wichtiger auf einer abstrakten Ebene unterwegs zu sein, Dinge und Zusammenhänge zu verstehen und zu erfassen ohne diese an den unmittelbaren Moment zu knüpfen. Auch eine echte Herausforderung dabei nicht den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Mir kommt dabei so ein Bild vor Augen, in dem ich vor einem Fluss sitze und mit meiner Hand Wasser aus dem Fluss schöpfe, während ich mich frage was es wohl mit Wasser insgesamt auf sich hat. Doch nur das Wasser in meiner Hand zu betrachten, kann mir nur Antworten zu dem liefern was Wasser unmittelbar mit mir zu tun hat. Würde ich nicht auch auf einer abstrakten Ebene den gesamten Wasserkreislauf verstehen, wäre mir überhaupt nicht klar welcher Zusammenhang zwischen dem schmelzenden Schnee auf den Bergen und dem Wasser in meiner Hand besteht. Ich würde mich nicht dafür einsetzen können den Schnee in den Bergen zu erhalten um mir auch in den Trockenzeiten einen Fluss voller Wasser zu garantieren. Ich denke diese Form des abstrakten Wissens birgt besonders viel Wert für mich, wann auch immer ich versuche langfristige Folgen oder Zusammenhänge auf einer nicht sichtbaren Ebene auf das unmittelbare Moment zu übertragen. Doch es hilft mir wenig wenn es darum geht ein Gefühl, eine Beziehung dazu aufzubauen. Wenn ich etwas zu Schutze des Flusses beitragen will, dann nicht weil ich abstraktes Wissen darüber besitze. Sondern weil ich hier und jetzt am Fluss sitze und mir Wasser durch die Hände rinnt. Diese Verbindung ist es in meinen Augen, die mich dazu antreibt Wissen zu erwerben und es so zu nutzen, dass es einen positiven Einfluss hat.

Und um den Bogen meines heute ganz schön philosophischen Gedankengangs zu schließen, will ich nochmal auf die Zeit auf Reisen zurückkommen. Durch das intensive Erleben auf Reisen verbindet sich viel von meinem Gefühl mit meinem unmittelbaren Erleben. Ich sitze, um das Bild weiter zu malen, viel öfter am Fluss und spüre was das Ganze mit mir zu tun hat. Ich muss es nicht auf einer abstrakten Ebene ergründen und mir vorstellen welche Beziehung ich zu Wasser habe und wie wichtig es für mich ist. Ich kann ganz einfach dasitzen, den Fluss betrachten, spüren, riechen, hören und schmecken. Und in dem Moment in denen mein Geist voll und ganz diese Erfahrung in sich aufnimmt, baut sich auch sogleich die zuvor beschriebene Verbindung auf. Das nächste Mal wenn ich also vom Fluss spreche, meine ich nicht nur seine abstrakt beschreibbaren Eigenschaften, ich meine all die Dinge die ich spüre während ich spreche, die mich von meinem Inneren heraus bewegen und mich auch stärken im Falle einer Auseinandersetzung. Für etwas zu streiten hat in meinen Augen oft erst dann einen Wert, einen Ausgangspunkt und eine Kraft wenn ich nicht nur weiß worüber ich spreche.

Sooo, nun zur Frage wie ich überhaupt auf dieses, zugegebenermaßen etwas eigenwillige, Thema gekommen bin. Ein Hinweis wurde schon gegeben: Ich mal wieder auf einen Kalender geschaut und festgestellt wieviel Zeit seit meiner Ankunft vergangen ist. Das hat mich darauf gebracht mal wieder darüber nachzudenken wie intensiv und bereichernd es sein kann keine Routine zu haben. Und dann ist mir im Vergleich zu meiner Zeit in Hamburg aufgefallen wie viel und wie abstrakt ich mich mit den Dingen und Funktionsweisen, den Entwicklungen und Wechselbeziehungen in der Welt beschäftigt habe. Und wie sich hier in den letzten Tagen dieser Reise so viel davon in so wenigen Momenten kristallisieren konnte.

Ich wurde nämlich nachdem ich tagelang durchs Land gereist bin, um mit Menschen zu sprechen und Wälder zu erkunden, auf eine UNESCO Konferenz eingeladen. Bei dieser ging es im Kern der Sache darum gemeinsam zu überlegen wie die UNESCO zusammen mit anderen Institutionen und Individuen zur Verbesserung der Welt betragen kann. Es wurden zu Beginn keine Rahmen gesetzt oder Einschränkungen ausgesprochen, es gab allerdings Themenfelder. Dazu gehörten konkrete Projekte wie die Umsetzung eines mittels Smartphone gestützten Wanderweges oder den Aufbau einer Green Academy in welcher vor allem Nachhaltigkeit praktisch vermittelt wird. Weniger konkret war beispielsweise das Thema Refugees, displaced people and illegal immigrants. Ein Themenfeld das mich, wie ihr euch denken könnt, ganz besonders interessiert hat. Leider waren keine Menschen anwesend welche von diesen Bezeichnungen betroffen wären. Somit war mein größter Kritikpunkt auch gleich mein wichtigster Vorschlag für diese Runde: sich auf die Vielfalt und Fähigkeiten der Menschen zu konzentrieren um die es hier gehen sollte und sie dazu zu ermächtigen für sich selbst zu sprechen und selbst oder in Kooperation mit anderen Forderungen und Vorschläge einzubringen.

UNESCO Quest 4 Africa

Bei dieser Konferenz kamen also viele Menschen zusammen und stellten gemeinsam Überlegungen an und machten auch konkrete Vorschläge wie diese umzusetzen seien. In diesem höchst interessanten Gemenge aus Ideen, Vorschlägen, Reden, Diskussionen und Streits habe ich vor allem eines ganz besonders deutlich wahrgenommen: es sind meist diejenigen mit guten Ideen unterwegs und bringen diese auch wirklich weiter, die nicht nur wissen wovon sie reden. Sondern eben auch eine ganze Reihe von Gefühlen und Überzeugungen mit dem verbinden wofür sie sich einsetzen. Oft erscheint mir die Welt zu voll mit rational gesinnten Menschen und utilitaristischen Strategien. Eine ausschließlich rational betrachtete Idee führte allerdings eher nicht dazu Menschen zum handeln zu inspirieren. Überzeugt haben vor allem diejenigen die ihre Ideen mit Emotionen und einem tieferen Verständnis verbinden konnten. Emotionen die meiner Meinung nach hauptsächlich aus dem direkten Erleben und der daraus entstandenen Verbindung entspringen können.

Jetzt bleibt nur noch die Frage was ich davon mitnehme. Den einfachen Teil zuerst: Leben im Hier und Jetzt. Das wird wohl erst wieder schwieriger wenn ich in meine Routine zurückgekehrt bin. Obwohl es auch eine interessante Frage ist wie ich das wohl anstellen könnte.

Die zweite Sache die ich verinnerlichen möchte ist da schon etwas schwieriger: Ich will die Orte finden die mich dazu inspirieren vom Wissenden zum Handelnden zu werden. An einen Ort zu kommen mit dem ich mich verbunden fühle, sei es durch die Menschen, Natur oder viele weitere Dinge und den ich so sehr schätzen lerne das ich ein Teil von ihm werden will. Daraus leitet sich dann für die Motivation und Überzeugung ab mich auch für diesen Ort einzusetzen. Ich bin mir bereits jetzt schon sicher einen solchen Ort in D-Land mit meinen geliebten Freuden in Hamburg zu haben und in Zukunft sogar noch zu erweitern. Ich bin darüber hinaus angefixed einen weiteren Ort in einer ganz anderen Wirklichkeit zu haben an dem ich mich ebenfalls einsetzen und an dem ich noch viel mehr von meinem erlernten Wissen einbringen kann. Zusammengefasst ein Hausprojekt in D-Land und ein Geographieprojekt in Indonesien. Mal schauen was davon die Katze ins Haus schleppt – und wieviel sie dann schon davon gefressen hat.

So far … away!

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